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Wenn man 2019 am Wochenende bei einer x-beliebigen Demo mitläuft, und jemand grölt vom Straßenrand: „Geht doch zur Schule!“, macht dieser Kommentar Dreierlei deutlich:

  • Der Rufer hat nicht realisiert, dass Samstag ist.
  • „Fridays for Future“ ist inzwischen offenbar zur bekanntesten Demo geworden (zumindest wenn die Mehrheit der Teilnehmer Haare auf dem Kopf hat), quasi zur Standarddemo.
  • Der eigentliche Grund des Streiks wird als Diskussionsthema immer mehr in den Hintergrund gedrängt.

Vielleicht zeigt es auch, dass die Welt voller hilfreicher Mitmenschen ist, aber da bin ich gerade nicht so sicher.

Thema verfehlt, setzen!

Seit fünf Monaten laufen die Streiks für den Klimaschutz, für die Einhaltung der Klimaziele. Nun hat es sich bei Streiks und Demos bewährt, die gegenseitigen Argumente anzuhören, zu diskutieren und möglichst eine Lösung zu finden. Nicht so bei F4F. Hier gefallen sich einige Politikprofis darin vorzugeben, worum es eigentlich geht, nämlich um Schulpflicht. Sie bestimmen die Richtung der Diskussion, diskreditieren die Streikenden, schaffen ein negatives Bild in der Öffentlichkeit („Schulschwänzer“) und zeigen einen deutlichen Mangel an Respekt gegenüber Menschen, die ein demokratisches Recht – zu demonstrieren – wahrnehmen. Ist das nun politisches Kalkül, ein geschickter Schachzug, um sich nicht für sein eigenes Versagen verantworten zu müssen, oder schlicht der Mangel an sinnvollen Argumenten? Ich neige bei Vertretern diese Spezies, nachdem sie sich doch mal zum Thema geäußert haben, eher zur zweiten Ansicht und frage mich, wie weit man in einer Hierarchie eigentlich aufsteigen muss, bis einem niemand mehr zu sagen traut, dass man ein sehr, sehr dummer Mensch ist.

Oder einfach totkuscheln?

Strategisch klug scheinen mir eher jene zu agieren, die den Schüler*innen metaphorisch das Haupt tätscheln, sie für ihr politisches Engagement loben – und dann auch nichts tun. Und das verbindet dann wieder den F4F-Fanclub in der Bundesregierung mit der Schulpflichtfraktion, dass sie nämlich beide den Aufruf der Schüler*innen ignorieren, endlich ihre Arbeit zu tun, sich für den Klimaschutz einzusetzen, wie es ihre Aufgabe ist. Hier kann man von Politprofis am lebenden Modell lernen, wie Politikverdrossenheit erzeugt wird.

Wie weit muss man in einer Hierarchie eigentlich aufsteigen, bis einem niemand mehr zu sagen traut, dass man ein sehr, sehr dummer Mensch ist?

Wir haben die Wahl

Aber die Initiatoren von „Fridays for Future“ lassen sich nicht entmutigen und rufen morgen, am Freitag vor dem Wahlwochenende, europaweit zu Klimastreiks auf. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass sich die Regierungsparteien die Forderungen der jungen Leute jetzt plötzlich zu Herzen nehmen – schließlich sind Schüler*innen meist nicht wahlberechtigt – aber sie haben Familien, Freunde, Unterstützer, die es sind. Und die stehen nicht am Straßenrand und grölen konstruktive Tips zur Bewältigung schwieriger Lebenslagen, sondern gehen wählen – und zwar weise.

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