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Die Firma Brew Your Meat hatte vor ein paar Jahren ihr erstes Heimgerät zum Herstellen von Cultured Meat vorgestellt. Es war ein Wunderwerk moderner Biotechnologie und etwa so groß wie ein normaler Kühlschrank.

Alles war von vorne zugänglich; die Sauerstoffflasche, die Vorratsgefäße für die Nährlösungen, die steril verpackten Starterkits, die die notwendige Emulsion mit den Muskelzellen enthielten, und die Abfallbehälter, in denen die Nebenprodukte des Stoffwechsels gesammelt wurden. Das mit dem Namen „Brewer“ versehene Gerät wurde einfach im privaten Home-Netzwerk angemeldet und war über eine App mit dem Mobiltelefon steuerbar. Der Brewer war auch für Normalverdienende erschwinglich. Den Gewinn erwirtschaftete Brew Your Meat durch das Verkaufen der Nährlösungen und der Starterkits für die verschiedenen Tierarten, die im Angebot waren. Der Brewer wurde ein Erfolg. Alle wollten einen besitzen. Es galt als schick, sein eigenes Fleisch herzustellen.

Die Chance

In der Regel dauerte es 48 Stunden, ein 150g Steak zu „brauen“. Da mehrere Starterkits gleichzeitig genutzt werden konnten, war auch eine kleine Grillgesellschaft kein Problem. Bei größeren Feiern brachten alle das in-vitro-Fleisch selbst mit. Es wurde gefachsimpelt, welche Einstellungen die Richtigen seien und welche Starterkits die besten Ergebnisse garantierten. Max hatte als Ingenieur seine Chance erkannt und sich in die Wartung und die Reparatur der Brewer eingearbeitet. Ein fester Kundenstamm aus Privatleuten und Restaurants sicherte ihm ein gutes Einkommen.

Das Paket

Er hätte das Paket nicht öffnen sollen, sagte er sich später immer wieder. Das Paket enthielt einen Zettel mit einem Link, ein paar Anweisungen zur Installation der Tor-Browsers [1] und eine VR-Brille [2]. Der Link führte ihn zur Animation eines kleinen Ladens mit altmodischen Apothekerschränken. Ein freundlicher Avatar [3] begrüßte ihn. Er informierte ihn darüber, was es alles zu kaufen gab. Angeboten wurden nachgebaute Starterkits für jede erdenkliche Tierart, Nährlösungen und sogenannte Booster. Max hatte davon gehört. Booster konnten das Wachstum der Zellkulturen enorm beschleunigen. Sie waren verboten, weil sie extremes Wachstum erzeugten und als nicht sicher galten. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, das Essen so erzeugten in-vitro-Fleisches könnte Krebs erzeugen. Der Avatar erklärte ihm, das Risiko sei nicht wesentlich größer als das des roten Fleisches, das früher von geschlachteten Rindern gewonnen worden war.
Max ergriff die Gelegenheit beim Schopf. Das Unterlaufen des Geschäftsmodells der Firma „Brew Your Meat“ versprach, eine gute Einkommensquelle zu werden. Nach einiger Zeit liefen die Geschäfte besser denn je. Bis er beim Einkauf vom Avatar ins Hinterzimmer gebeten wurde. Ein Hinterzimmer in einem virtuellen Shop im Darknet, wie cool war das denn? Es war ein kleiner, schlecht beleuchteter Raum, der nur einen Gegenstand enthielt. Es war ein Brewer; natürlich kein echter Brewer sondern ein Nachbau, äußerlich kaum zu unterscheiden vom Original. Wie durch Geisterhand verschwand die Frontseite und gewährte Max einen Blick ins Innere.

Die Einladung

Nun wurde offensichtlich, dass es sich um einen illegalen, modifizierten Nachbau handelte. Max war fasziniert. Der Avatar bot ihm an, den Vertrieb und die Wartung zu übernehmen. Gleichzeitig lud er ihn zu einer „Biops-Party“ ein, die zwei Wochen später stattfinden sollte. Max sagte zu, obwohl er noch nie von einer Biops-Party gehört hatte. Aber er war ohnehin schon zu tief in das Geschehen verstrickt, um ablehnen zu können.
Wieder in der realen Welt angekommen, begann er zu recherchieren. Er fand es heraus. Biops stand für Biopsie. Einige Menschen fanden es großartig, Fleisch zu essen, das aus ihren eigenen Muskelzellen gezüchtet worden war. Für die Nutztiere der absolute Hit, stellte Max fest, aber auch irgendwie ekelig. Überall hatten sich kleine, geheime Gruppen Gleichgesinnter gegründet. Das Erkennungszeichen war eine kleine Narbe auf dem Arm, geschickt durch ein Tattoo kaschiert.

Die Party

Max schaute der Biops-Party, zu der er eingeladen worden war, mit unguten Gefühlen entgegen. Er hatte herausgefunden, dass alle Gäste zum Eintritt unter dem Jubel der anderen Anwesenden eine Biopsie über sich ergehen lassen mussten. Das machte ihm etwas Angst.
Irgendwie überstand er die Party. Er hatte damals über die gute Organisation gestaunt. Die kleine Wunde war sofort versorgt worden. Visitenkarten verschiedener Tattoo Studios hatten ausgelegen. Es hatte eine ausgelassene Stimmung geherrscht, die er selbst nicht nachvollziehen konnte. Nach ca. zwei Stunden hatte man die fertigen Steaks hereingebracht. Das war der Moment, als er sich auf der Toilette hatte übergeben müssen. Man gewöhne sich daran und lerne, das Steak zu genießen, war er getröstet worden. Es folgten weitere Partys und Max gewöhnte sich daran.

Erschöpft bat Max um eine Erzählpause. Der Fahnder stellte das Aufnahmegerät ab und bot ihm einen Schluck Wasser an. Max nahm dankend an. Irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor.

[1] Ein Tor-Browser ist Software, die es erlaubt, unerkannt im Internet zu surfen, vorzugsweise im sogenannten Darknet, in dem z. B. illegale Handelsplattformen existieren.

[2] VR ist die Abkürzung von Virtual Reality. Mit einer VR-Brille bewegt man sich in Computerspielen in einer virtuellen Umgebung.

[3] Ein Avatar ist eine virtuelle Figur, die in Computerspielen oder auch in anderer Software vertretend für den realen Teilnehmer interagiert. (https://de.wikipedia.org/wiki/Avatar_%28Internet%29)

Autor: Dr. Klaus Meylahn

Der pensionierte Lebensmittelchemiker lebt vegan. Er liebt es, mit seiner Frau Sigrid neue Rezepte für vegane Speisen auszuprobieren, liest viel (zum Beispiel „Realitätsschock“ von Sascha Lobo) und fotografiert gerne.