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Alle Politiker und Politikerinnen haben sein/ihr Erfolgsrezept. Sie sind nicht alle gleich, aber sie gleichen einander. Politiker*innen werden gewählt, weil Menschen ihnen vertrauen. Beamte, Wissenschaftler*innen, Handwerker*innen, Ärzt*innen, Betriebswirt*innen, Lehrer*innen, Pfleger*innen (etc.) werden dagegen nach ihren fachlichen Fähigkeiten ausgesucht. Natürlich ist das in beiden Fällen, Politikerinnen und Nicht-Politiker*innen, nicht ausschließlich so, jedoch überwiegend. Es kommen Durchsetzungsfähigkeit, Zuverlässigkeit, soziale Kompetenz und Weiteres hinzu.

Goldstandard: Vertrauen

Aber in erster Linie ist es das Vertrauen, das eine/n Politiker*in stützt. Damit allein kann sie/er jedoch keinen Blumentopf gewinnen. Politiker*innen müssen vernetzt sein. Man kann nicht alles, man weiß nicht alles, aber man kennt jemanden, der/die die Lösung kennt. Bei Politiker*innen ist es positiv, wenn sie gut vernetzt sind. Es ist allerdings wichtig, mit wem sie sich vernetzen.

Die Durchsetzungsfähigkeit und die Fähigkeit, kluge Kompromisse zu finden, hängt von der „Qualität“ des Netzwerkes ab, aber auch von der Macht des Wortes. Kann ein*e Politiker*in sich gut ausdrücken? Hat er/sie immer eine kluge Antwort parat? Erkennt er/sie die Gunst des Augenblicks?

In der Politik ist die Versuchung, sich überwiegend auf das erworbene Vertrauen, auf die Erfahrung und das Netzwerk zu verlassen, sehr groß. Schließlich hat Mensch genau auf diese Weise seine/ihre Karriere vorangetrieben.

Bedrohung: Pandemie

Und nun kommt eine Pandemie daher, die wir durch unsere Haltung gegenüber der Mitwelt aus ihrem Habitat hervorgelockt haben und der wir durch unsere weltweite Vernetzung die Tür aufhalten. Viren, aber auch Bakterien, eigentlich alles, was lebt, vermehren sich exponentiell, wenn die Bedingungen solches erlauben. Politiker*innen der Jetztzeit kennen die Situation, dass sich etwas exponentiell entwickelt, nicht. Es ist neu für sie. Sie haben dafür kein Instrumentarium entwickelt. Sie merken eventuell noch nicht einmal, dass ihnen dieses Erfahrungswissen fehlt, von Ausnahmen aufgrund einer beruflichen Vorbildung einmal abgesehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten anderen Bürger*innen ebenfalls exponentielle Gefahren nicht einschätzen können. Viele kennen das Beispiel mit dem Schachbrett und den Reiskörnern, deren Menge von einem zum nächsten Feld auf dem Schachbrett verdoppelt werden soll. Es ist für sie eine lustige Fabel, in der der/die vermeintlich Unterlegene gegen den/die Stärkeren gewinnt. Die praktische Relevanz einer Wachstumskurve kennen die Wenigsten.

Wissenschaft: Unbekannte Entität

Zurück zur Pandemie. Politiker*innen müssen etwas tun, was sie nicht verstehen. Sie müssen Ratschläge beachten, die nicht diskutiert werden können. Diese Ratschläge kommen von Wissenschaftler*innen, die so anders sind als Politiker*innen und die a priori das Vertrauen der Bürger*innen genießen.

Bürger*innen müssen etwas ertragen, dessen Grund sie nicht verstehen. „Wieso? Das Glas ist doch erst halb voll.“ „Aber morgen ist es ganz voll!“ „Nee. Das glaube ich nicht.“ In diesem Moment ist Vertrauen unbezahlbar. Und die Politiker*innen ahnen, dass das die einzige Konstante in einer Pandemie ist. Das Vertrauen ist das Gerüst, auf dem sie stehen. Die Erfahrung, die Fähigkeit zum Netzwerken, die Durchsetzungsfähigkeit, die soziale Kompetenz verkommen daneben zu Statist*innen. Die Politiker*innen wissen, dass Vertrauen sehr fragil ist, ein flüchtige Währung. In einem gut organisierten Staat kann man auch einmal eine schlechte Entscheidung treffen. Die Gesellschaft puffert das ab. Die Entscheidung wird modifiziert oder rückgängig gemacht und alles ist wieder gut. In einer Pandemie verbietet sich so ein Vorgehen. Die Situation kann sich in kurzer Zeit dramatisch verschlimmern; kein Vergleich mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Es ist ein Spielfeld, auf dem den Politiker*innen die Orientierung fehlt. Der Verlust von Vertrauen und Kontrolle droht. Und nichts fürchten Politiker*innen (zu Recht) mehr.

Kampf: Gegen die Viren oder für das Vertrauen?

Nun beginnt also, konzertiert von Unabänderlichkeiten, überforderten Behörden, Nachlässigkeit bei der Digitalisierung, Lieferschwierigkeiten, Konkurrenz unter Partnerstaaten der Kampf gegen die Pandemie, begleitet vom Kampf um den Erhalt des Vertrauens. Es fehlt der Mut zu einem „richtigen“ Lockdown. Es wird zu spät reagiert (und regiert). „Lieber noch einmal besprechen“. Es wird angekündigt. Es wird zu früh geöffnet. „Seht her, wir haben es geschafft.“ Anderen Meinungen wird vehement entgegengetreten, denn andere Meinungen unterstellen Versagen. Gerade bei der frühen Öffnung zeigt sich der Versuch, durch das Demonstrieren sozialer Kompetenz das Vertrauen der einen und durch scheinbare wirtschaftliche Kompetenz das Vertrauen der anderen zu erhalten oder zurückzugewinnen. Abzuwarten, bis andere (Etwa das Virus?) einen Fehler machen, gerät zu einem Risiko. Die Unfähigkeit, die Verbindung von Ursache und Wirkung zu erkennen und diese bestenfalls im Voraus zu berücksichtigen, bringt uns Menschen und unsere Mitwelt in erhebliche Gefahr.

Zukunft: Haltung

Wir haben die Viren durch unsere Haltung gegenüber der Mitwelt aus ihrem Habitat hervorgelockt. Unsere Haltung ist geprägt durch ein missverstandenes „Macht Euch die Erde untertan.“, durch die Gier nach mehr über alle Grenzen hinaus, durch Rücksichtslosigkeit, durch Speziesismus.

Kann es sein, dass unsere Demokratie in Verbindung mit unserer Haltung gegenüber der gesamten Mitwelt genau diese Politiker*innen erzeugt, die wir in einer Pandemie nicht (und auch sonst nicht) brauchen können? Nicht zu vergessen das post-antibiotische Zeitalter und den Klimawandel, deren Herausforderungen wir bereits zu spüren bekommen, die aber von den Politiker*innen nicht in geeignetem Maße beachtet werden. Brauchen wir mehr administrative Führung, die den Vor- und Fürsorge-Auftrag des Staates „einfacher“ erfüllen kann? Versteckt hinter dem Begriff „Autorität“ wird diese Diskussion im Zusammenhang mit einer ungelösten Kanzlerkandidatenkür bereits geführt. Müssen wir gar unsere Demokratie umbauen, um weiteren Pandemien, die sicher kommen werden, widerstehen zu können? Hoffentlich nicht. Wir müssen aber ganz bestimmt besser werden. Und wir müssen unsere Haltung ändern.

Das wäre zum Beispiel unsere Haltung gegenüber den Wildtieren mit ihren großen Reservoiren vieler potenziell gefährlicher Viren. Indem wir uns nicht weiter ausbreiten, den Wildtieren ihren Platz lassen und ihre Umwelt nicht zerstören, sorgen wir dafür, dass das Risiko für das Entstehen weiterer Pandemien nachhaltig gemindert wird.

Das wäre ein Anfang. Unsere Haltung gegenüber den Nutztieren (welch eine schreckliche Bezeichnung) trägt zur Entstehung von multiresistenten Keimen bei. Unsere Haltung zur Nutzung fossiler Energie fördert den Klimawandel. Unsere Haltung zur Hochseefischerei vermindert die Fähigkeit der Ozeane, CO2 zu immobilisieren. Man könnte die Liste noch verlängern.

Aber auch so ist zu erkennen: Es ist alles eine Frage der Haltung.

Autor: Dr. Klaus Meylahn

Der pensionierte Lebensmittelchemiker lebt vegan. Er liebt es, mit seiner Frau Sigrid neue Rezepte für vegane Speisen auszuprobieren, liest viel (zum Beispiel „Realitätsschock“ von Sascha Lobo) und fotografiert gerne.