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Animant Crumbs Staubchronik von Lin Rina

Etwas Gutes lässt sich über jedes Buch sagen.

Doch, ernsthaft. Es ist nur unterschiedlich schwierig bzw. unterschiedlich schmeichelhaft oder – um es mit dem ersten Grundsatz der Buchkritik zu sagen – : Die aufzuwendende Mühe des Rezensenten steht dabei im umgekehrten Verhältnis zu der des Autors.

Zu „Animant Crumbs Staubchronik“ von Lin Rina fallen mir sogar gleich zwei positive Aussagen ein. Es macht die Vorteile eines Hörbuchs gegenüber der Ausgabe für Selbstleser deutlich, denn im zweiten Fall hätte ich sicher nicht bis zum Ende durchgehalten (was recht überlegt vielleicht doch kein Pluspunkt ist) und es lässt erkennen, wie wichtig eine gute Lektorin ist.

Worum geht es?

Animant Crumb, eine äußerst belesene, selbstbewusste und intelligente junge Dame – was wir wissen, weil sie nicht müde wird, darauf hinzuweisen – aus gutem Hause im ländlichen England des 19. Jahrhunderts, lebt mit ihren Eltern in einer selbsterschaffenen Bücherwelt und verbringt ihre Zeit damit, Heiratskandidaten abzuschmettern. Da ihre Mutter dies Verhalten auf Dauer missbilligt, die Auswahlkriterien sowieso, wird Animant nach London geschickt, wo sie in einer Bibliothek arbeiten und – vor allem – einen geeigneten Ehemann finden soll. Und tatsächlich begegnet sie dort einem gar grässlichen Bibliothekar, mit dem sie es die restlichen drei Viertel des Buches sehr schwer haben muss, bevor die beiden – wir ahnen es – schließlich heiraten.

Die Erzählstruktur ist bekannt. Von Jane Austen, der wir in diesem Genre sehr viel Schönes verdanken, bis Rosamunde Pilcher, der wir nichts Böses nachsagen wollen. Es spricht nichts dagegen, ein bewährtes Muster aufzugreifen, wenn man den Vergleich mit Vorgängerinnen nicht scheut oder einen guten Grund dafür hat, z.B. frische, ungewöhnlich Ideen. Scheu scheint Lin Rina wirklich nicht zu kennen, ungewöhnliche Ideen aber auch nicht, und so drängt sich die Frage auf, warum sie sich an einen historischen Roman wagt, wenn sie die Sprache der Zeit nicht beherrscht. Nichts von den eleganten Formulierungen, dem Humor und geistvollen Witz der Heroinnen einer Jane Austen. Stattdessen eine Icherzählerin, deren Lieblingswort zum Beschreiben menschlichen Verhaltens „fies“ zu sein scheint. Eine andere Erzählperspektive oder ein Zeitreiseroman hätten viele Patzer verhindern können.

Selten aufblitzende Ansätze von Spannung werden leider verschenkt. Als während einer Gewitternacht aus einem der offenbar den Luftverkehr über dem englischen Königreich jener Zeit bestreitenden Luftschiffe ein Schrankkoffer stürzt und die Glaskuppel der Bibliothek durchschlägt, tut sich die Protagonistin hervor, indem sie Bücher vor dem Regen rettet. Niemand wundert sich über den Koffer. Es hat den Anschein, herabregnende Schrankkoffer hätten zum Alltag gehört, ebenso wie nächtliche Luftschifffahrten. Was in dem Koffer war? Vielleicht der Beginn einer wirklich spannenden Erzählung. Who cares!

Schon besonders… irgendwie

Was man der Autorin auf keinen Fall absprechen kann, ist eine Begabung für ungewöhnliche Formulierungen. Dermaßen ungewöhnlich, dass sie aus gutem Grund nicht zum deutschen Sprachschatz gehören. So kommt Miss Crumb nicht umher, etwas zu tun (statt umhin), sie fühlt sich selbst so betrübt (statt jemand anderen?). Gern schießen Redewendungen auch über das Ziel hinaus. Ihr wird das Herz nicht einfach nur schwer, nein, ihr Herz wird schwermütig. Oder statt vor Schreck zu rasen, das arme Herz, rast es gleich davon. Überhaupt tummeln sich in Nebensätzen die ausgefallensten anatomischen Absonderlichkeiten. Animant Crumb hört Schritte schon, bevor diese auch von ihrer Wahrnehmung erfasst wurden. Potzblitz! Sie beklagt: „in ihren Dickkopf würde ich nie vordringen können“, was man für ihr Gegenüber doch nur hoffen möchte. Aber besonders beunruhigend wird das Kopfkino bei der Beschreibung, wie sie dem Mann ihres davonrasenden Herzens gegenübersteht und er, der einen Kopf größer ist als sie, ihr die Arme um die Taille schlingt. Wie lang müssen die Arme dieses Mannes sein!

Da mir nur ein Hörbuch zur Verfügung stand, sind dies lediglich die sprachlichen Perlen, die ich in einem zufälligen Ausschnitt von etwa drei Minuten mitschreiben konnte. Alles in allem scheint mir die Häufung schräger Formulierungen von der Mitte des Werkes an stark zugenommen zu haben. Mein Mitgefühl gilt der Lektorin, die vermutlich schließlich doch die Kräfte verließen, bevor sie vom fiesen Fluss der Sprache mitgerissen und letztlich vom Staub dieser Chronik bedeckt wurde.

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