Schlagwörter

, , , , , , , ,

In der Kategorie „Sätze, die sich ihre Urheber gerne anal einführen könnten“, ist dieser ganz weit oben. Trotzdem oder gerade deshalb, werde ich in Gesprächen mit manchmal sogar sage und schreibe fünf(!) Jahre älteren Personen, immer wieder mit ihm konfrontiert. 

Die Situationen, in denen diese altkluge Floskel bevorzugt verwendet wird, sind die ach so beliebten Themen wie Familie, Beruf und Essverhalten. Wobei der Kinderwunsch, der offenbar in die Kategorie Familie fällt, das am häufigsten beharkte Minenfeld darstellt. 

Ich befinde mich beispielsweise in einem Gespräch mit einer älteren Frau, nennen wir sie einfach mal Gertrude, und unerklärlicherweise gelangen wir zum Thema Kinderkriegen (well played Gertrude). Sie fragt dann unübersehbar tendenziös, ob ich denn auch mal was Kleines haben möchte. 

Trotz der Undeutlichkeit dieser Frage (ein kleines Haus? Boot? Melanom?), entschlüssle ich dank 20-jähriger Übung in Sozialkompetenz Gertrudes Absicht. Damenhaft pruste ich also los, haue mir auf den Oberschenkel wie ein Daimler-Pressesprecher, der nach einer „weiteren unzulässigen Abschaltsoftware“ gefragt wird, und antworte sehr beherzt: Nein!

Stille. Keine angenehme Stille. Eine Stille, in der nur das Stöhnen Gertrudes längst pensionierter Gebärmutter zu hören ist. Ihre Augen beginnen zu leuchten (Gertrudes, Gebärmuttern haben keine Augen). Was folgt, sind Bekundungen darüber, wie erfüllend es sei, Mutter zu werden, wie man erst dann wüsste, was Liebe sei, wenn einen das eigene Kind anlächelt und überhaupt, ich sei doch eine Frau und „wir sprechen uns in 5 Jahren noch mal wieder“.

Wow. Mal ganz abgesehen davon, dass ich jeder Frau gratuliere Mutter zu sein oder zu werden, insbesondere natürlich meiner Mutter, ist es zweifellos toll, einen Minimenschen gemacht zu haben und unglaublich, wenn dieser kleine Fleischklops einen auch noch anlächelt, bevor man dessen vollgeschissene Windel wechselt. Es ist auch nicht mal dieser Gedanke, der mich davon abschreckt, in absehbarer Zeit zu Werfen. Wirklich nicht, ich habe bestimmt schon weitaus schlimmere Scheiße gesehen, gerochen und gehört. Entgegen vieler Annahmen hasse ich Kinder auch nicht. Ganz im Gegenteil, ich liebe ihre winzigen Hände und Füße und wie sie einen völlig ironie- und schamfrei anstarren. Bislang habe ich nur einfach noch nie, mit keiner Faser meines Körpers, den Wunsch verspürt, sowas irgendwann mal selbst zu haben.

Ich möchte nicht falsch verstanden werde, die sinnbildliche Gertrude hatte sicher keine bösen Absichten. Vielleicht hat sie sogar Recht und in fünf Jahren schießt mir bereits beim Anblick unterdurchschnittlich kleiner Socken die Milch ein und ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein Kind. Aber meine momentane Meinung nicht zu akzeptieren und dann auch noch mit dem Argument, ich sei doch eine Frau,  das ist einfach respektlos. Nur weil mein Körper in der Lage ist,etwas zu tun, heißt das noch lange nicht, dass er das auch muss. Mein Körper ist auch in der Lage, gleichzeitig zu essen und zu urinieren. 

Um das Ganze noch ein bisschen hochzuschaukeln: Eigentlich würde doch schon ein Blick auf die Welt reichen, und jeder rational denkende Mensch würde verstehen, warum ich zumindest JETZT keine Kinder möchte. Oh, ein sehr altes Gebäude ist abgebrannt? Niemand wurde verletzt oder ist gestorben? Dann lass uns doch gleich mal ´ne Spendenaktion starten! Lächerlich. Wahrzeichen hin oder her, dass davor mal so 7.000 Menschen vor Frankreich kampieren mussten, „bewacht“ von Soldaten, ohne humanitäre Hilfe, das ist scheißegal. Nein, so wie es jetzt aussieht, bedarf es nicht noch eines hilflosen Menschen.

Die Lage ist nicht aussichtslos, davon bin ich überzeugt, wir müssen nur endlich den Kopf aus dem Sand ziehen. Und wenn Gertrude mich das nächste Mal nach Kindern fragt, dann antworte ich einfach selbst: Meine Liebe, wir sprechen uns in fünf Jahren noch mal wieder.

Werbeanzeigen