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Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!

cheWas halten Sie eigentlich von Naturgesetzen? Also jenen Regeln der physikalischen Welt, auf die sich Lebensweisheiten stützen wie: „runter kommen sie alle“, „selber essen macht dick“, „bei Nacht sind alle Katzen grau“, „Blut ist dicker als Wasser“ …? Dass es unter Influencern inzwischen notwendig zu sein scheint, auch ein Buch zu veröffentlichen, ist hingegen kein Naturgesetz, sondern folgt eher den Gesetzen des Marktes. Wer nicht schreiben kann oder nichts zu sagen hat, was aufzuschreiben lohnt, gestaltet mit Mandalaschnörkeln oder handgeletterten Motivationsmantras aus Coaching-Seminaren den Umschlag eines Notizbuchs und preist die Sammlung leerer Seiten in selbstironisch-gesellschaftskritischer Geste als analoges Pendant der eigenen Videos. Wem es gänzlich an Kreativität mangelt, dem bleibt immer noch, sein Pseudonym für eine Schmuckkollektion, eine Kosmetikreihe oder ein Modelabel herzugeben.

Aber Mai Thi – die promovierte Chemikerin unseres Vertrauens – kann schreiben. Mehr noch: Sie kann erzählen. Sie weiß, dass sich Informationen am besten immer noch mit Geschichten transportieren lassen, und bewältigt souverän den Wechsel zwischen den Medien. Denn was im Video funktioniert, muss sich nicht ohne weiteres auf ein Buch übertragen lassen.

Wie ihr das gelingt? Sie lässt uns teilhaben an einem einzigen Tag ihres Lebens, wird zum Leopold Bloom des digitalen Zeitalters, mit einem wissenschaftlich-neugierigen Blick auf die alltägliche Umwelt. Dabei verzichtet sie auch nicht auf narrative Tricks wie Cliffhanger, bei denen Sebastian Fitzek noch abgucken kann wie’s geht, lässt z.B. ein Kapitel mit der telefonischen Mitteilung enden: „Ich glaube, Jonas ist gestorben.“

Wir merken schnell, in allem ist Chemie – nicht nur in Jonas, dem Fluoridverweigerer – alles ist chemisch. Und vieles ist komisch, denn Mai Thi hat Humor.

Bei vielen Beispielen bewegen wir uns aber an den Grenzen zu anderen Gebieten (zur Teilchenphysik, zur Biologie, zur Psychologie… ), denn eigentlich ist es ein wissenschaftlicher Blick, dem auch bei vertrauten Erscheinungen des Alltags die Frage zugrunde liegt: Wie geht das?

Ein Blick hinter die Dinge also. Ich jedenfalls werde einen Becher Kaffee nie wieder so sehen können, wie vor dem Lesen dieses Buches, sondern immer die Moleküle vor Augen haben, die im heißen Sud Samba tanzen.

Mai Thi nimmt uns mit auf die Suche nach Erklärungen in einer Welt, die uns vertraut scheint, die wir zu kennen glauben. Aber „das funktioniert elektronisch“ oder „da ist Chemie drin“ oder „das kommt von den Genen“ ist keine Erklärung. Der Alltag steckt voller Geheimnisse, und Mai liefert uns das Handwerkszeug, einige zu lüften und ganz nebenbei nicht nur Versprechen und Tricks der Werbeindustrie zu entlarven, sondern auch Geschwurbel von Absolventen der YouTube-Akademie. Sie vermittelt fundiertes Wissen mit Spaß und Spannung und gibt einen Einblick in wissenschaftliche Methoden. Am Ende des Buches sind Tenside und ungesättigte Fettsäuren, wenn schon nicht gute Freunde, so doch alte Bekannte, wir wissen um den Zusammenhang zwischen Melatonin und nächtlicher Tiefenentspannung, warum Tiefenentladung hingegen weniger gut ist und weshalb uns Smartphone-Akkus nicht um die Ohren fliegen.

Was die Autorin antreibt, erfahren wir bei einer Flasche Wein im letzten Kapitel. Ihre eigentliche Mission – jawohl – ist, „mehr wissenschaftlichen Spirit“ in die Welt zu tragen. Ein schönes Ziel, denn „wissenschaftlicher Spirit ist Freude an Komplexität und dem Widerstehen einfacher Antworten“. Also genau das, was in den sozialen Medien häufig fehlt und ersetzt wird durch  nachlässig formulierte Clickbait-Zeilen, die eher auf emotionale Reaktionen als auf Erkenntnisse zielen. Aber davon haben wir schon genug, von Erklärungen, die in schöner Ausgewogenheit ebenso einfach wie falsch sind. Das liefert Mais Buch nicht, sondern etwas Besseres, eine spürbare Begeisterung, die die Erzählung trägt, eine „Leidenschaft für Sachlichkeit“.

Darauf erstmal einen Tee.