Schlagwörter

, , , , ,

Vielleicht sind wir da geteilter Meinung, aber mir geht die rhetorische Verwendung von Holzfäller-Metaphern zunehmend auf die Nerven. Ständig ist die Gesellschaft – wahlweise auch das Volk, das Land, die Nation – von Spaltung bedroht und es werden Keile getrieben zwischen… ja, zwischen was eigentlich?

Wie war das noch damals, vor der Pandemie, vor den Gendersternchen, vor dem Klima, bevor Flüchtlinge das Land fluteten und Besorgnis die Bürger zerriss? Waren wir da eine harmonische, homogene Gesellschaft? Etwa so wie die Borg, nur auf demokratisch: „Ihre biologischen und technologischen Besonderheiten werden den unsrigen hinzugefügt“, bis zusammenwächst, was zusammen gehört, wie Willy Brandt einst frohlockte.

Waren wir „ein einig Volk von Brüdern“?

War das so?

Oder gab es auch schon früher Unterschiede und wird immer nur vor Spaltung gewarnt, wenn jemand auf bereits bestehende Gegensätze hinweist? Wer Unterschiede nicht mehr verschweigt, sondern sie benennt, scheint mir heute leichter zum Nestbeschmutzer, zum Spalter, zum Denunzianten zu werden.

Von Spaltung zu reden erzeugt zudem das Bild eines massiven Blocks, der mittig in gleich große Teile getrennt wird. Wie Platons mythische „Kugelmenschen“[1] oder Italo Calvinos geteilter Visconte, Medardo di Terralba, der durch einen Schwerthieb in der Mitte geteilt aus dem Krieg zurückkehrt, als spiegelverkehrter Doppelgänger mit einer bösen und einer guten Seele in jeder Hälfte.

Gleich oder nicht gleich?

Dieses Bild ist jedoch irreführend. Weder muss es immer gleich große Hälften geben noch Gegensatzpaare. Wenn Gefahren von rechts nicht mehr verschwiegen, sondern klar benannt werden, zerfällt die Gesellschaft nicht zwingend in eine rechte und eine linke Hälfte. Gern versuchen Minderheiten ihre eigene Bedeutung durch eine false ballance, eine falsche Gleichgewichtung zu überhöhen. Dabei findet vielleicht gar keine Spaltung statt, sondern es löst sich nur ein Span von dem großen Klotz.

Dann stellt sich die Frage, ob ein solcher Spalt mit allen Mitteln wieder gekittet werden muss. Müssen wir uns vor Uneinigkeit so sehr fürchten, dass wir unbedingt auf Kompromisse aus sind oder schon vorher alle Haltungen vermeiden, die nicht von allen geteilt werden? Harmonie um jeden Preis?

Einigkeit durch Schweigen?

Wir waren nie ein einig Volk von Brüdern. Selbst nicht, wenn alle Schwestern schweigen. Dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Und Unterschiede lassen sich nur auf begrenzte Zeit ignorieren. In Zeiten von Corona scheint es, als würde die Gesellschaft plötzlich erschüttert von widerstreitenden Auffassungen, als würde sie zerfurcht von unüberbrückbaren Meinungsrissen. Aber das ist nicht neu.

Solche Lücken, Klüfte und Spalten hat es schon immer gegeben. Einer dieser Gegensätze ist der Gender-pay-gap, der Unterschied im Stundenlohn von Männern und Frauen, kurz: das geschlechtsspezifische Lohngefälle. Wenn man die prozentualen Lohndifferenzen in den europäischen Ländern grafisch darstellt, zeigt sich mehr als deutlich das Bild eines Spalts (s. folgendes Diagramm, Quelle: ec.europa.eu/eurostat).

10. März | equal pay day

Besonders bedeutsam ist in diesem Zusammenhang das heutige Datum, der 10. März 2021, weil es den equal pay day symbolisiert, der Tag, bis zu dem, vom Jahresanfang gerechnet, Frauen umsonst arbeiten würden, wenn sie an den übrigen Tagen den gleichen Stundenlohn bekämen wie Männer. Dieser Tag gilt übrigens nur für Deutschland, da der Gehaltsunterschied 2019 hier 19,2% betrug.

Für Europa lag der equal pay day 19 Tage früher. Der Gender-pay-gap klafft für Deutschland im europäischen Vergleich also relativ weit. Doch wurden bisher kaum Stimmen laut, dass dieser Umstand einen Keil in die Gesellschaft treiben würde. Auch nicht, wenn man berücksichtigt, dass für diese Lücke gerade die geringe Bezahlung in den Berufen verantwortlich ist, die inzwischen als „systemrelevant“ bezeichnet werden.

Keine Panik!

Ganz sicher sind wir in vielen Dingen geteilter Meinung, was unter anderem daran liegt, dass wir in vielen Dingen auch tatsächlich unterschiedlich sind und diese Unterschiede individuell bewerten. Wir sind eben doch keine Borg. Was nicht vereint ist, lässt sich auch nicht spalten. Darum müssen wir auch keine Angst vor Spaltung haben, sondern nur davor, dass existierende Unterschiede nicht benannt werden. Denn nur bekannte Ungleichheit lässt sich bekämpfen – wenn sie zu Ungerechtigkeit führt – oder feiern, wenn sie es nicht tut.


[1] Kugelmenschen: Von Platon erdachte mythische Doppelwesen aus zwei Menschen, die in perfekter Einheit über die Welt kullerten, von den Göttern des Olymp aber zerteilt wurden, da sie ihre Macht bedrohten. Seitdem laufen wir als unvollkommene Hälften herum und suchen unseren Gegenpart. Übrigens sollen die ursprünglichen Kugelmenschen sowohl aus einem Mann und einer Frau als auch aus zwei Frauen oder zwei Männern bestanden haben, was bis heute ihr Vereinigungsstreben bestimmt (s. Wikipedia).

Der Autor: Kay Niebank ist Psychologe, Wissenschaftsredakteur und assoziiertes Mitglied im Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Berlin. Er lebt und arbeitet in Bremen, wenn er nicht gerade durch Island wandert.