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Max freute sich auf Susi. Er hatte sich regelrecht verliebt in sie. Ihre Augen, in denen man versinken konnte, hatten es ihm angetan. Und nun war sie auf dem Weg zu ihm. Nur noch fünf Halte, sagte die App. Max war dabei, den Grill zu reinigen. Das Essen sollte etwas Besonderes werden. Er hatte lange kein ordentliches Rindersteak mehr gegessen. Soko Tierschutz [1] und andere Aktivistengruppen hatten ganze Arbeit geleistet.

Die Fleischindustrie war derart in Verruf geraten, dass sie die Flucht nach vorne antrat. Die mit den tierquälerischen Bedingungen bei Zucht, Mast, Transport oder Schlachtung verdienten Millionen wurden in junge Unternehmen investiert, die in-vitro-Fleisch [2] herstellen sollten. Und sie hatten Erfolg. In wenigen Jahren war der Milliarden schwere Markt umgekrempelt worden. Die Firmen lobten sich in den Himmel. Der Wasserverbrauch für die Fleischproduktion wäre erheblich geringer, es würden keine Antibiotika mehr eingesetzt, die riesige Fläche, die bis dahin für den Anbau von Futtermitteln benötigt worden wäre, könne zur Renaturierung oder für den Anbau von Lebensmitteln verwendet werden.

Konkurrenz für Hersteller veganer Lebensmittel


Die Bauernschaft verstand damals die Welt nicht mehr. Sie hatten doch nur das getan, was man von ihnen wollte. Die Abnehmer ihrer Erzeugnisse hatten sich sprichwörtlich vom Acker gemacht und setzten alles auf in-vitro-Fleisch. Einige Bauern stiegen in die Produktion der Ausgangsstoffe für die Nährlösung zum Züchten von Fleisch ein oder setzten auf Proteinpflanzen wie Soja oder Erbse. Viele Tierärzte wurden arbeitslos. Firmen, die früher die Zusatzstoffe für die Tierernährung geliefert hatten, begannen Nährlösungen zu produzieren. Aus den Lieferanten der Bauern wurden auf diese Weise Kunden.
Max hatte gelesen, die traditionellen Hersteller veganer Burger oder Würste litten unter der neuen Konkurrenz. Die Fixierung auf Fleisch, „richtiges“ Fleisch, war in den Umwälzungen der Landwirtschaft nicht verloren gegangen und nutzte nun den in-vitro-Firmen. Manche Hersteller veganer Erzeugnisse konnten nur deswegen überleben, weil sie Vorprodukte für Hybridfleisch, Mischungen aus Zellkulturen und pflanzlichem Protein, lieferten.

Zielgruppe Flexitarier


Max hatte es lange Zeit als Veganer versucht, war damit aber nie so richtig warm geworden. Gut, sein Cholesterinspiegel war stark gesunken. Die anderen Blutwerte hatten sich im Normalbereich eingependelt. Er war fitter als früher. Als Veganer hatte er aber auch Diskriminierung kennengelernt. Das machte ihm zu schaffen. Da kam das in-vitro-Fleisch gerade richtig. Sogar der VEBU [3] in Gestalt des ProVeg international [4] hatte Cellular Agriculture [5], so nannte man diese Industrie jetzt, gefördert. Die in-vitro-Produkte waren weder vegetarisch noch vegan. Das hatte damals zu einer Austrittswelle geführt. Viele konnten nicht damit umgehen, dass eine sehr kleine Anzahl an Nutztieren dafür bezahlen musste, dass eine sehr große Anzahl an Nutztieren nicht mehr gebraucht wurde. Die Zielgruppe war auch nicht die kleine Community der Vegetarier*innen oder Veganer*innen. Die Flexitarier*innen [6] versprachen einen höheren Umsatz und natürlich die, die vom Fleisch nicht lassen konnten und immer noch die Mehrheit unter den Konsumenten*innen stellten.

Tierhaltung nicht besser


Max war schnell auf in-vitro-Fleisch umgestiegen, obwohl die neuen Skandale ihn verunsicherten. In China ansässige Firmen hatten zu den ersten gehört, die dieses Fleisch anboten. In riesigen Betrieben wurden immer noch große Mengen an Tieren gehalten, die als Zellspender benötigt wurden: Geflügel, Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Hunde und andere. Daneben entstanden viele kleine Betriebe, die sich einen preiswerten Fermenter gekauft hatten und damit „Spezialitäten“ produzierten. Nach Recherchen von Tierrechtsorganisationen war die Haltung der Tiere, egal ob großer oder kleiner Betrieb, nicht besser als früher. Warum auch? Niemand bekam diese Tiere je zu sehen, bis Aktivisten der Welt die Augen öffneten und Bilder von durch multiple Biopsien zernarbten Tieren zeigten.

Milliardenmarkt


Weltweit konnte in-vitro-Fleisch tiefgekühlt bestellt werden. Ob es nun Kängurufleisch war, Krokodil oder Schlange. Alles war möglich. Auch die Spenderzellen wurden gehandelt. Der Milliardenmarkt der Fleischindustrie wurde neu verteilt. Der Beruf des Metzgers starb aus. Die handwerkliche Herstellung von Wurst wurde nur noch von wenigen am Leben erhalten.

Die Macht des Marktes


In Europa wollte man einen anderen Weg einschlagen. Die Firmen sollten ihre Tiere in überschaubaren Herden überwiegend im Freien halten. Sie sollten gutes Futter bekommen und ihr Leben weitgehend ungestört verbringen. Eine Mindestgröße für die Herde zur Vermeidung von Inzucht war vorgeschrieben. Transporte sollten nach Möglichkeit unterlassen werden. Ein einziges Mal pro Monat sollte ihnen etwas Fleisch abgezwackt werden, natürlich unter lokaler Betäubung. Der Plan war gut. Aber der Markt hat seine eigenen Regeln. Und die sind manchmal nicht schön. Billigprodukte aus Fernost überschwemmten den Markt. Fleisch aus dem Fermenter war billig. Die heimische Industrie setzte auf Premiumprodukte. Nur so konnte sie überleben. Die Hersteller differenzierten sich nach der Herkunft und der Tierart, auch wenn das keine überragende Rolle spielte, da die Qualität der Nährlösung den Geschmack und den Nährwert des Produktes bestimmte. Für die Lebensmittelüberwachung war das alles ein Albtraum, auf den sie nicht vorbereitet war. Bezog sich diese Revolution doch nicht nur auf Fleisch der verschiedensten Säugetiere, sondern auch auf Fisch, Milch, Eier, tierisches Fett und deren Mischprodukte mit pflanzlichen Proteinen.

Die Macht der Hersteller


In der Zeitung hatte Max gelesen, dass das Wachsen der Zellkultur durch „Zusatzstoffe“ beeinflussbar war. Wuchs der Zellklumpen schneller, konnte man in derselben Zeit vier Chargen produzieren, wo bisher nur drei möglich waren. Über die Zulassung dieser Stoffe war leidenschaftlich diskutiert worden. Zuletzt setzten sich die Hersteller durch. Weder Leserbriefe noch Petitionen hatten etwas bewirken können. Es war, als ob ein Kreis sich schließt.

Susis Ankunft


Max freute sich zwar auf Susi, hatte dabei aber ein schlechtes Gewissen. Es begleitete ihn, seit er zum ersten Mal in-vitro-Fleisch probiert hatte. Ihm war bewusst, dass diese Produkte der Fleischindustrie auf Nutztieren basierten. Sie enthielten tierische DNA. Sie waren alles andere als vegan. Sie waren aber auch kein richtiges Fleisch, wenn sie ein Gerüst aus texturiertem Sojaprotein enthielten, das notwendig war, um dickere Fleischstücke zu züchten.
Es klingelte. Susi, dachte Max mit einem Blick auf die Uhr. Gerade noch pünktlich. Er nahm das Paket entgegen, und sie lächelte ihn an. Es war ein schottisches Hochlandrind mit diesem gutmütigen Blick und der weichen Nase auf der Packung abgebildet, welches die Starterzellen für seine Steaks geliefert haben sollte. „Susi“ hatte man das Rind genannt und dieses auch als Markenname gewählt. Der Mythos von einer heilen Welt funktionierte auch in der zellulären Landwirtschaft vorzüglich.

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Der Autor lehnt Cellular Agriculture, in-vitro-Fleisch, Clean Meat, Cultured Meat oder wie immer man es auch sonst noch nennt, nicht grundsätzlich ab. Er sieht allerdings, dass sich zur Kognitiven Dissonanz [8] der klassischen Fleischesser nun noch eine Ambivalenz der in-vitro-Fleischesser, gekennzeichnet durch die Anzahl der Nutztiere vor und nach der Einführung der Cellular Agriculture, gesellt. Und er hofft, dass mögliche Fehlentwicklungen der gewaltigen, neuen Möglichkeiten dieser Technologie schnell erkannt und verhindert werden.

In Bezug auf den Klimaschutz, die Nutztierproblematik, das Artensterben, die Umweltverschmutzung etc. wäre eine vegane Lebensweise positiver. Aber manchmal muss man eben -völlig unvegan- den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorziehen.

Infos & Begriffserklärungen

[1] Soko Tierschutz will eine Welt ohne Tierleid erreichen und steht nach eigenen Angaben für „investigative, professionelle Recherchen und fundiertes Fachwissen, kombiniert mit effektiver Medienarbeit und friedlichen und erfolgreichen Kampagnen“. (https://www.soko-tierschutz.org/)

[2] in-vitro-Fleisch ist in einer Nährlösung im Labor aus wenigen Zellen gezüchtetes Fleisch. Die dafür benötigten Zellen werden zum Beispiel mittels einer Biopsie einem lebenden Tier entnommen.

[3] VEBU ist die Abkürzung für Vegetarierbund Deutschland. Der Name wurde am 22. April 2017 in Berlin geändert in ProVeg. Zur Geschichte des VEBU und seiner Vorgängerorganisationen siehe: https://proveg.com/de/die-geschichte-von-proveg/

[4] ProVeg international ist die Dachorganisation aller nationalen ProVeg Mitgliederverbände

[5] Cellular Agriculture ist der Oberbegriff für jegliche Form der in-vitro-Erzeugung von Fleisch, Fett, Leder, Protein oder auch einzelnen Stoffen aus entnommenen Fleischzellen oder gentechnisch veränderten Organismen (z. B. Hefen). Weitere Informationen: https://www.cellag.org/, https://proveg.com/blog/what-is-cellular-agriculture/

[6] Flexitarier*innen sind Menschen, die bewusst darauf verzichten, ständig Fleisch, Milch, Käse etc. zu verzehren und statt dessen häufiger zu Ersatzprodukten greifen. Das kann die vegane Wurst sein oder auch der mit Hilfe von Cellular Agriculture erzeugte Käse, der dem Käse aus Kuhmilch geschmacklich und auch stofflich genau entsprechen soll. Nach Schätzung der Unternehmensberatung Kearney könnte ab dem Jahr 2040 kultiviertes Fleisch 35 % des weltweiten Fleischkonsums ausmachen (Quelle).

[7] Texturiertes Sojaprotein wird aus entfetteten Sojabohnen hergestellt (https://de.wikipedia.org/wiki/Texturiertes_Soja)

[8] Eine Kognitive Dissonanz entsteht, wenn Einstellung (Ich bin tierlieb.) und Verhalten (Ich esse Tiere.) nicht zueinander passen. Ein Beispiel ist die emotionale Bindung, die zwischen Mensch und Haustier entsteht, die aber trotzdem zulässt, dass Tiere (z. B. Kaninchen) getötet und gegessen werden.

 

Autor: Dr. Klaus Meylahn

Der pensionierte Lebensmittelchemiker lebt vegan. Er liebt es, mit seiner Frau Sigrid neue Rezepte für vegane Speisen auszuprobieren, liest viel (zum Beispiel „Realitätsschock“ von Sascha Lobo) und fotografiert gerne.