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Eine dystopische – oder realistische? – Aussicht auf das, was kommen könnte.


Er stand gerne in der Schlange. Er war nicht allein aber auch nicht bedrängt. Alle hatten folgsam ihre Maske angelegt und hielten Abstand. Sie unterhielten sich leise. Hin und wieder konnte er ein paar Wortschnipsel auffangen und auf diese Weise etwas vom Leben der anderen erfahren.

Er stand gerne in der Schlange. Manchmal gab es sogar einen schönen Sonnenaufgang oder einen schönen Sonnenuntergang zu sehen. Das genoss er ganz besonders. Doch heute verdeckten Wolken den Himmel. Halb so schlimm fand er. Schließlich hatte er hier auch schon einen Wolkenbruch erlebt.

Der halbe Parkplatz war für die Schlange reserviert, die sich, wie früher auf Flughäfen, in regelmäßigen Schwüngen vom Ende des Platzes zum Eingang wand.

Er stand gerne in der Schlange. So konnte er, kaum abgelenkt, seine Gedanken wandern lassen. Was war hier früher für ein Trubel gewesen. Viele Autos, die einen Parkplatz suchten, Bekannte oder Freunde, die sich zufällig trafen, sich umarmten und zu einem kleinen Plausch stehen blieben.

Er hatte von Bekannten mitbekommen, dass es wieder Toilettenpapier geben sollte. Vor der Krise hätte er nie gedacht, dass Toilettenpapier, ausgerechnet Toilettenpapier, einmal ein Thema werden könnte.

Wie hatte es angefangen? Im Sommer hatten die Ministerpräsidenten der Bundesländer übernommen. Der erste Lockdown war gelungen, es folgte eine relativ stabile Phase. Die Ministerpräsidenten drängelten sich vor wie Schulkinder. „Ich will auch mal!“. „Ich kann das auch!“ sagten sie öffentlich nicht, aber darauf lief es hinaus. Natürlich konnten sie es nicht. Irgendwann stiegen die Werte wieder an. Ein erneuter Lockdown erbrachte lediglich eine kurze Pause. Die wahren Qualitäten eines Politikers liegen nicht darin, wie man politische Gegner ausmanövriert oder Abweichler in den eigenen Reihen kaltstellt, war schon lange seine Meinung. Diese hatte sich unglücklicherweise bestätigt.

Die Werte stiegen also. Und dann kam der Streik der LKW-Fahrer! Endlich waren sie wichtig! Sie waren systemrelevant und kämpften für eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Sie trafen sich zu großen Demonstrationen, denen sich die Querköpfe anschlossen. So nannte er die, die sich selbst den Namen Querdenker gegeben hatten und das Tragen einer Maske ablehnten. Aber es war nicht nur der Transportsektor. Leichtsinnige Menschen feierten zu Hause, seit sie nicht mehr ausgehen durften. Der Alkoholgebrauch war allgemein gestiegen, hatte er gelesen. Die wenig IT-affinen und schon vorher schlecht ausgerüsteten Gesundheitsämter waren bereits überlastet. Und jetzt ging es erst richtig los.

Wieder ging es zwei Meter vorwärts. Er musste an seine Frau denken. Es war ihr schlecht gegangen an jenem Tag. Sie waren zur Klinik gefahren, aber dort hatte man sie abgewiesen. Alle Betten seien belegt, sie sollten es woanders versuchen. Der Ärztin, die sie fortschickte, war sichtlich nicht wohl dabei, aber was hätte sie machen können. Auch im nächsten Krankenhaus wurden sie abgewiesen. Zu spät. Pech? Schicksal? Versagen? Das war in der Hoch-Zeit der Krise. Die Infektionszahlen erreichten atemberaubend hohe Werte. Kurze Zeit später stieg die Anzahl derer, die ins Krankenhaus mussten, und die Anzahl derer, die starben. Nun konnte man sehen, was ohne Lockdown passiert. Die Krematorien waren sieben Tage die Woche Tag und Nacht in Betrieb. Nur so war die Menge auf den Friedhöfen überhaupt zu bewältigen. In der Not wurden die vorgeschriebenen Ruhezeiten alter Gräber gekürzt um neue Gräber zur Verfügung zu haben. Manche Angehörige konnten sich nicht von ihren Verstorbenen verabschieden. So war es ihm auch gegangen. Erst nach der Beerdigung konnte er an ihrem Grab dann Abschied nehmen.

Weiter hinten in der Schlange gab es Unruhe. Er reckte den Hals, um mitzubekommen, was da geschah. Eine kleine Prozession von Querdenkern belästigte die Wartenden. Die waren davon nicht angetan. Die Lage sprach für sich. Die Wirtschaft lag am Boden, nicht wegen der Einschränkungen durch den Lockdown, sondern wegen der zu geringen Einschränkungen durch den Lockdown. Die Querköpfe leugneten immer noch die Gefahr, obwohl sie mittlerweile für jeden klar ersichtlich war. Das war jedoch verständlich, hatten sie doch durch ihre Demos ohne Mund-Nase-Schutz ordentlich zur jetzigen Situation beigetragen.

Sein linker Arm tat weh. Er war endlich geimpft worden. Hoffentlich gab es keine Komplikationen. Die Anzahl der Impfwilligen war zu Beginn zu gering gewesen, um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Mittlerweile hatte sich das geändert. Es gab aber nun Transportprobleme und zu wenige Gesunde oder wieder Genesene, die die Impfung durchführen konnten.

Endlich hatte er die Spitze der Schlange erreicht. Doch gerade, als er eintreten wollte, wurde ein Schild aufgestellt. Ausverkauft. Müde und verzagt ging er zum Ausgang des Platzes. Sein Magen knurrte.

Auf der anderen Seite der Weltkugel wachte jemand schweißgebadet auf. Gestern war sie sehr müde und abgespannt gewesen. Daher war sie früher als sonst ins Bett gegangen. Der Schlaf brachte jedoch keine Entlastung. Heute würde sie den monatlichen Besuch des Marktes ausfallen lassen und sich ausruhen. Gedankenverloren kratzte sie sich. Ein juckender Ausschlag hatte sich auf ihrem rechten Arm ausgebreitet.

Autor: Dr. Klaus Meylahn

Der pensionierte Lebensmittelchemiker lebt vegan. Er liebt es, mit seiner Frau Sigrid neue Rezepte für vegane Speisen auszuprobieren, liest viel (zum Beispiel „Realitätsschock“ von Sascha Lobo) und fotografiert gerne.