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Der „Mäuseturm“ (Bremen)

Corona hat in diesem Jahr sicher vielen einen fetten Strich durch die Urlaubsplanung gemacht. Das muss aber kein Grund sein, Frust zu schieben und 2020 komplett abzuschreiben. Überlegen wir lieber, ob sich die Komponenten eines gelungenen Urlaubs nicht vielleicht auch auf anderem Wege zusammenbringen lassen.

Beim Urlaub liegt der Schwerpunkt auf Erholung. Er funktioniert theoretisch auch auf Balkonien. Praktisch gehört sich das aber nicht und wird mit Argwohn betrachtet. Erst die „Urlaubsreise“ bringt die Ortsveränderung ins Spiel, ist aber meist stillschweigend gemeint, wenn man von Urlaub spricht. Warum sonst wird Urlaub im Reisebüro gebucht und nicht im Wellness-Center?

„Reisen“ ist einer dieser Begriffe, die vor alternativen Bedeutungen funkeln. Reisen bildet – nicht nur wie die Volkshochschule, sondern auch den Charakter – es wird metaphorisch als Persönlichkeitsformung verstanden, im Sinne der Reise ins Ich, der Reise zum Selbst. Letztere erfordert häufig den Umweg über buddhistische Destinationen (siehe unter Reisebüro). Reisen bedeutet Veränderung, und Voraussetzung dafür ist meist, das Bekannte hinter sich zu lassen, aus gewohnten Bahnen auszubrechen, etwas Neues zu sehen und zu diesem Zweck vielleicht sogar Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen. Damit kommt Reisen dem Erlebnis oder gar dem Abenteuer schon ziemlich nahe und bildet den Gegenpol zum Urlaub als Erholungsveranstaltung.

Urlaub lässt sich also an jedem Ort machen, der der eigenen Fähigkeit und Bereitschaft genügt, sich zu erholen. Aber auch ein Reiseabenteuer ist nicht von der Entfernung abhängig. Der Aufbruch ins Unbekannte kann vor der Haustür beginnen. Die Voraussetzung für ein „Mikroabenteuer“ ist nur, etwas anders zu machen als gewohnt. Für die meisten Menschen sind Orte, an denen sie noch nicht waren, auch ohne Flugreise zu erreichen.

Als ich mich erstmal von dem Anspruch befreit hatte, eine Fernreise machen zu müssen, wurde mir ziemlich schnell klar, dass eine Fülle von Abenteuern in erreichbarer Nähe wartet. Die Reisen dorthin lassen sich zu Fuß, mit dem Rad oder dem Nahverkehr bewältigen. Und das Schöne daran: es spart Geld, hält fit, ist gut für die Umwelt, man lernt etwas Neues in seiner eigenen Stadt oder der näheren Umgebung kennen und wirkt dem Frust entgegen. Erholung gibt’s gratis dazu.

Für mich war der erste dieser Orte, mein Abenteuerziel, der „Mäuseturm“, ein 12 Meter hohes Leuchtfeuer in der Weser, der die offizielle Bezeichnung „Molenturm“ trägt. Er steht schon seit über 100 Jahren an der Einfahrt zu einem Wendebecken, aber ich habe ihn bisher noch nie besucht. Also packte ich ein gutes Buch und eine MNS in den Rucksack, radelte die 8 Kilometer zum Turm, machte es mir im Schatten einer Pappel gemütlich, blickte über die Weser und bastelte mir ein Urlaubsfeeling.

Nächste Woche mache ich wieder eine Urlaubsreise.

Und Ihr so?