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Ein etwas sperriger, aber gerade deshalb für mich interessanter Titel. Ein ansprechendes Cover mit viel Raum für Interpretation. Und in den Nachrichten unerträglich viele Meldungen über rassistische Vorkommnisse in Deutschland. Es passte alles zusammen, als ich mich entschloss, das autobiografische Buch der Kölner Journalistin Alice Hasters in meiner lokalen Lieblingsbuchhandlung zu bestellen.

Ich doch nicht!

Als es ankam, begann ich gleich am ersten Abend damit, es zu lesen. Meine Erwartungen? Ganz ehrlich? Nun, ich hielt mich bisher eigentlich für eine Frau, die niemals rassistisch denkt oder handelt. Ich bin politisch ziemlich weit links aufgestellt, verfolge aufmerksam und aufgeschlossen das politische Geschehen in unserer Welt, kaufe Fairtrade Produkte und habe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer schon schwarze und weiße Menschen gehabt.

Meine Erwartung, als ich die ersten Seiten von Was weisse Menschen nicht hören wollen, aber wissen sollten aufschlug, war also in etwa diese: Ich bin nicht rassistisch. Also wird da auch keine großartige Überraschung auf mich zukommen.

Ganz schön überheblich, diese Gedanken. Jedenfalls empfinde ich das jetzt so, nachdem ich alle 224 Seiten (ja, auch das Glossar und die Danksagung) gelesen habe.

Alltagsrassismus

Alice Hasters hat in mir und meinem Denken eine Welle an Emotionen in Gang gesetzt. Und es hat nicht wirklich viel Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Denn es ist kein spaßiges, kein leichtes Thema, um das es hier geht.

Es geht um Rassismus. Und zwar nicht nur um den großen, weltgeschichtlichen Rassismus, über den ich im Kapitel Deutsch und Geschichte, aber auch an vielen anderen Stellen des Buches eine Menge neuer, erschreckender Dinge gelernt habe. Alice Hasters beschreibt insbesondere den Alltagsrassismus, dem sie und (wie sie schreibt) alle schwarzen Menschen von Geburt an ausgesetzt sind und der häufig ganz unbewusst und unbeabsichtigt passiert. Aber er passiert!

„You can’t be what you can’t see“ – du kannst nicht werden, was du nicht sehen kannst*

Wo finden wir also Rassismus im Alltag? Alice Hasters gibt da ein paar Beispiele.

Weiße Menschen, die schwarzen Menschen unterstellen, weniger begabt oder weniger intelligent zu sein. Weiße Menschen, die schwarzen Menschen pauschal bestimmte Fähigkeiten zuschreiben. Positive wie negative. Weiße Menschen, die schwarzen Menschen ungefragt durch die lockigen Haare fahren oder ihre Haut anfassen. All das passiert und es ist rassistisch.

Alice Hasters schreibt auch darüber, dass es für weiße Menschen leichter ist, bestimmte Ziele zu erreichen, weil sie seltener benachteiligt werden als Schwarze. Und sie schreibt über die Schwierigkeiten, die sich ergeben können, wenn schwarze und weiße Menschen sich ineinander verlieben und Familien gründen.

Angriff und Verteidigung

An vielen Stellen des Buches fühlte ich mich unwohl. Manchmal ertappt und beschämt über mein eigenes Denken, das ich während des Lesens immer wieder hinterfragen musste. Dann wiederum war ich verstimmt oder fühlte mich sogar angegriffen. Beispielsweise wenn Alice Hasters schreibt:

Du bist weiß. Was bedeutet das? Egal, ob du melancholisch, optimistisch, nachdenklich oder spontan bist, als weißer Mensch hast du eine gewisse Leichtigkeit.

Ich finde das irgendwie zu stark verallgemeinert. Denn ich kenne viele weiße Menschen, die ganz und gar nicht leicht durchs Leben gehen. Die es aufgrund ihrer sozialen Herkunft schwer haben, Bildungschancen zu nutzen und gut im Leben zurechtzukommen zum Beispiel. Oder weiße Menschen, die in Armut aufwachsen. Aus meiner Sicht (die an dieser Stelle vermutlich so ist, weil ich weiß bin), hat man nicht automatisch bessere Chancen im Leben, nur weil man eine weiße Haut hat.

Aber noch während ich so etwas formuliere, werde ich von mir selbst scharf dafür kritisiert, weil ich denke: „Was schreibe ich da? Ist das Populismus? Jetzt klinge ich schon wie die AfD.“

Ihr erahnt vielleicht inzwischen, wie schwierig es ist, dieses Buch zu lesen, wenn man weiß ist. Alice Hasters schreibt zwar gleich zu Beginn, dass sie optimistisch ist, dass wir es irgendwann hinbekommen, „die Geschichte von Rassismus einerseits anzuerkennen und sie andererseits nicht weiter fortzusetzen“, aber in ihren Erklärungen und Schilderungen schwingt auch verständlicherweise eine Menge Wut und Pessimismus mit. Und ich maße mir an, sie in vielen Punkten zu verstehen, obwohl ich mir sicher bin, dass sie erwidern würde, dass ich gar nicht in der Lage bin, sie wirklich zu verstehen. Weil ich weiß bin und nicht schwarz.

Buchempfehlung oder nicht?

Es ist mir selten so schwer gefallen, meine Meinung über ein Buch in Worte zu fassen. Denn seitdem ich Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten gelesen habe, bin ich maximal verunsichert. In mir ist das Gefühl entstanden, dass egal was ich denke, sage oder tue: Es ist alles irgendwie rassistisch. Einfach nur, weil ich weiß bin.

Ich wüsste gerne, ob es Alice Hasters‘ Absicht war, dieses Gefühl in mir zu erzeugen, oder ob ich sie einfach noch nicht richtig verstanden habe. Ihr Buch werde ich mit etwas Abstand noch einmal lesen. Oder als Hörbuch hören. Dann wirkt die eine oder andere Aussage vielleicht nicht ganz so negativ, wie ich sie empfunden habe. Ich werde darüber hinaus mit schwarzen Menschen über Rassismus sprechen und versuchen, mit noch offeneren Augen durch die Welt zu gehen und mich selbst noch stärker zu beobachten.

Habt ihr das Buch schon gelesen? Werdet ihr es lesen? Mich interessiert eure Meinung zu diesem großen Thema. Schreibt gerne in die Kommentare oder unter unserem Beitrag auf der Facebookseite des Spatzenschwarm Verlags.


*Zitat von Marian Wright Edelman, afroamerikanische Menschenrechtlerin