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Zaunkönig

Wörter verfügen über die Macht, unsere Wahrnehmung zu formen. Wir nehmen besser wahr, was wir benennen können. Wörter sind also Sehhilfen, durch die wir lernen zu erkennen. Das Buch, das hier vorgestellt wird – The lost words – soll Wörter vor dem Vergessen bewahren und den Abstand zwischen Mensch und Natur wieder verringern.

Illustration: Jackie Morris, 2017

Wörter sind Wahrnehmung

Wie Kübra Gümüşay sich in „Sprache und Sein“ erinnert [1], blickte ihre Tante bei einem gemeinsamen Spaziergang aufs Meer und sagte zu ihr: „Sieh nur, wie stark dieser yakamoz leuchtet!“ Sie aber sah kein Leuchten, weil sie das Wort nicht kannte. Erst als ihr erklärt wurde, dass mit yakamoz die Reflexion des Mondes auf dem Wasser gemeint ist, konnte sie das Leuchten erkennen und sieht es seitdem bei Mondnächten am Meer.

Eine Erscheinung oder einen Gegenstand mit Namen zu kennen, etwas zu benennen, ist ein bewährter Zaubertrick, um Unerkanntes sichtbar zu machen. Das ist es, was Simon Barnes als „rewild yourself“ bezeichnet [2], wenn er Wörter einsetzt, um die Kluft zwischen Mensch und Natur, z.B. Schmetterlingen, zu verringern. Wer gelernt hat, die einzelnen Arten zu unterscheiden, wird Schmetterlinge nie wieder so sehen wie zuvor, weil man jedes Mal etwas genauer hinsieht, jeden Schmetterling etwas klarer erkennt. Sobald man einige Arten identifizieren kann, reagiert das Gehirn anders. Wir sehen einen Zitronenfalter, ein Tagpfauenauge, einen Kohlweißling, wo zuvor nur ein Schmetterling war. Wissen und Vertrautheit schaffen eine Verbindung – machen etwas mit dem Gehirn.

Verblassende Wörter

2002 stellten Wissenschaftler aus Cambridge in einer Studie fest, dass Kinder während der Grundschuljahre weit mehr über Pokémon zu lernen scheinen als über die heimische Tier- und Pflanzenwelt. Sie kannten deutlich mehr Namen von Pokémon-Figuren als von realen Tieren und Pflanzen wie Glockenblume, Otter oder Zaunkönig [3]. Spätere Forschung bestätigte diese Beobachtung auch für Erwachsene. Ein Viertel wusste nicht, was ein Blaukehlchen oder ein Star war. Wie vielen fällt auf, wenn bei Facebook in einem Aufruf zum Schutz der Bienen das Foto einer Hummel gezeigt wird? Wer kann noch ein Ahornblatt von dem einer Platane unterscheiden?

Wir verlieren die Fähigkeit, die Tiere und Pflanzen unserer natürlichen Umwelt zu identifizieren. Ohne einen Namen, der Details hinzufügt, der aus einem Baum eine Birke, aus einem schwarzen Vogel eine Amsel oder aus einem Schmetterling einen Distelfalter macht, kann die Welt der Natur schnell zu einem verwaschenen allgemeinen Grün ausbleichen. Wenn wir die Namen nicht mehr kennen, fallen auch ihre Träger dem Vergessen anheim. Und wenn Kinder Wörter gar nicht erst lernen, dann bedeutete es das Aus für diese Begriffe. Die Sprache wird ärmer und mit ihr unser Erleben.

Getilgte Wörter

Als der Autor Robert Macfarlane feststellte, dass 2007 in der neuen Ausgabe des Oxford Junior Dictionary Wörter, die die natürliche Welt beschrieben, wie Reiher, Butterblume, Nektar etc., technischen Bezeichnungen wie Voicemail und Blog gewichen waren, beunruhigte ihn das sehr. Er weiß um die zauberische Macht, die Wörter auf unser Bewusstsein ausüben. Er weiß, wie sie die Wahrnehmung der Welt um uns formen. Technologie ist spannend und geheimnisvoll, aber das gilt auch für die belebte Welt, einschließlich der alltäglichen Natur, die uns umgibt. Und dieser Aspekt der Wunder der Welt scheint gegenwärtig für viele Kinder an den Rand ihrer Erfahrungen, Sprache und Geschichten gerutscht zu sein. Spielt der Verlust dieser verschwindenden Wörter eine Rolle? Wenn ja, wie lässt sich das Kennen und Verstehen der Natur bei Kindern und Erwachsenen wieder stärken?

Magische Wörter

Als Antwort auf diese Frage beschlossen Robert Macfarlane und die Illustratorin Jackie Morris ein Buch für Kinder zu schreiben, das den Zauber lebender Wesen heraufbeschwor, nicht den synthetischer Subjekte. Gemeinsam schufen sie „The Lost Words: A Spell-Book“, ein Buch, das Zaubersprüche mit der Magie der natürlichen Welt vereint. Dafür wählten sie 20 Namen von Lebewesen und Pflanzen, die aus dem Oxford Junior Dictionary getilgt worden waren. Jeden der Namen von Ahorn bis Zaunkönig hüllte Macfarlane in einen poetischen Zauberspruch, ein Sprachspiel in Form eines Akrostichons (die Anfangsbuchstaben der Zeilen ergeben wieder den Namen), der laut gelesen werden sollte. Häufig schrieb er sie, indem er sie laut vor sich hin sprach, ihrem Klang nachschmeckte, während er wanderte oder wartete, um zu sehen, ob sie sich im Gedächtnis verfangen würden, bevor er sie niederschrieb.

If the right spells are spoken, the lost words might return

Währenddessen schuf Jackie Morris hunderte von Bildern. Für jeden Namen zuerst die Lücke, die sein Träger hinterließ, auf der gegenüberliegenden Seite dann das Lebewesen oder die Pflanze als „Piktogramm“ vor einem Blattgoldhintergrund, und schließlich auf einer Doppelseite jede Spezies in der Landschaft, in der sie zuhause war. Die Illustrationen erinnern in den gedeckten Erdtönen der Wasserfarben an den Herbst, sind gedämpft und zurückhaltend, aber gleichwohl reich und pulsierend vor Leben.

Dieses opulent illustrierte Buch in Übergröße (27×37 cm), dieser Hort der schwindenden Wörter, sieht wie ein prächtiges Kinderbuch aus, aber mit der Schönheit der Grafiken und der Sprache ist es auch etwas für Erwachsene.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit verlieren wir täglich Tiere und Pflanzen. Ein Buch wie dieses erinnert uns daran, wie nur Poesie es vermag, ohne trockene Statistik, ohne düstere und drohende Warnungen. Es hebt eine verblassende Welt zurück ins Bewusstsein.

 

Du schützt nur das, was du liebst, du liebst nur das, was du kennst. Du kennst nur das, was man dich lehrt.“ [4]

Wie bereits die Autoren der „Pokémon-Studie“ [3] fürchteten, führt der Verlust des Wissens über die natürliche Welt zu einer wachsenden Isolierung von der Natur. Darum ist es wichtig, vor allem die Verbindung zwischen Kindern und der Natur wieder herzustellen, denn “wir lieben, was wir kennen…“ und warum sollte sich ein Kind um das Aussterben von Arten kümmern, von denen es keine Vorstellung hat? Was bedeutet das Aussterben des Kondors für ein Kind, das nie einen Zaunkönig gesehen hat?

Zaunkönig2

Es kann nicht verwundern, dass Namen verschwinden, die den Reichtum der Natur benennen – denn die Natur selbst verschwindet. Wir befinden uns gegenwärtig mitten im sechsten großen Artensterben. Die Wiedervereinigung des Menschen mit der Natur ist ein konservatives Thema, konservativ im Sinne von Erhaltung und Bewahrung. Es geht einher mit Bildung, physischer Gesundheit, emotionalem Wohlbefinden und einer erfolgreichen Zukunft. Wobei es schon als Erfolg zu werten ist, wenn uns eines gelingt: zu überleben. Denn was gut für die Natur ist, ist auch gut für die Menschen als Teil davon. Darum ist es so wichtig, in Kindern das Interesse für die Tier- und Pflanzenwelt zu wecken. Und das ist gar nicht so schwer, mit Büchern wie diesem. Mittlerweile ist aus dem Buch eine Bewegung erwachsen. Spendengelder wurden gesammelt, um alle Grundschulen in Schottland mit einem Exemplar des Buches auszustatten. Als ergänzendes Begleitmaterial für die Benutzung von „The Lost Words“ im Unterricht hat Eva John den „Explorer’s Guide to The Lost Words“ zusammengestellt, dessen Produktion vom John Muir Trust unterstützt wurde.

 

Robert Macfarlane & Jackie Morris (2017). The Lost Words. A Spell Book. London: Penguin.


[1] Kübra Gümüşay (2020). Sprache und Sein. München: Carl Hanser. (S. 11)

[2] Simon Barnes (2018). Rewild yourself. 23 spellbinding ways to make nature more visible. London: Simon & Schuster. (S. 8 f)

[3] Andrew Balmford, Lizzie Clegg, Tim Coulson, Jennie Taylor (2002). Why Conservationists Should Heed Pokémon. Science, 295, 5564, S. 2367.

[4] Guðmundur Páll Ólafsson, zitiert nach Andri Snær Magnason (2020). Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft. Berlin: Insel.