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Unter Palmen aus Stahl - Blog-3Notizen auf der Autobahn

Irgendwo auf der Strecke zwischen Düren (NRW) und Butjadingen (Nordseeküste). Ich höre aus irgendeinem Grund Radio Bremen und nicht wie üblich den Deutschlandfunk. Die A1 ist voll und normalerweise langweilt mich diese Strecke, aber jetzt nicht. Denn ich lausche einer Sendung, in der die Moderatorin Kristin Hunfeld den Buchautor Dominik Bloh interviewt. Dominik ist ein junger Mann, der als Jugendlicher von seiner psychisch erkrankten Mutter vor die Tür gesetzt wird, viele Jahre lang nirgendwo willkommen ist und so immer wieder auf der Straße leben muss. Durch seine selbstlose, ehrliche und unvoreingenommene Art und etwas Glück erhält er jedoch eine zweite Chance. Er darf zunächst für den Ankerherz Verlag in einem Blog über seine Erfahrungen in der Obdachlosigkeit berichten und schreibt anschließend sogar ein Buch darüber.

Von dieser Zeit erzählt er sehr offen und ehrlich in diesem Interview, das später mit dem Deutschen Radiopreis 2018 ausgezeichnet werden wird, aber davon wissen die Moderatorin, Dominik und ich noch nichts, während ich dieser Radiosendung zuhöre und Kilometer um Kilometer über grauen Asphalt hinweg fahre. Ich bin gefesselt und sauge jedes Wort auf. Dann öffne ich das kleine Fach unter dem Autoradio, krame ein Post-it und einen Bleistift heraus und notiere mir, während ich auf die Fahrbahn schaue, mit krakeliger Schrift den Titel des Buches, das Dominik Bloh geschrieben hat: Unter Palmen aus Stahl.

Zeit und Ort

Nur wenige Tage später liegt dieses Buch in meinem Briefkasten. Als ich es aufklappe, fallen eine Postkarte mit ein paar netten, persönlichen Worten des Ankerherz Verlags und ein Aufkleber heraus. Ich mag die Art, wie der Verlag seine Bücher versendet. Er macht das ähnlich liebevoll, wie wir vom Spatzenschwarm Verlag.

Das Coverfoto auf dem Leineneinband zeigt ein Portrait von Dominik Bloh und ich würde am liebsten sofort anfangen zu lesen, habe aber keine Zeit. Wie so oft. Zum Lesen brauche ich Zeit. Und Ruhe. Und den passenden Ort. Wenn das nicht alles zusammenpasst, muss das Buch warten. Oder ich.

Unter Palmen aus Stahl hat nun mehr als zwei Jahre warten müssen, bis ich es vor einigen Tagen endlich vom Bücherregal auf mein Kopfkissen legte.

Kopfkino

Und dann begann ich abends damit, es zu lesen und Dominiks Geschichte nachzuspüren.

Ich fühlte seine Verzweiflung, als er nach dem Rauswurf von zu Hause mitten in der Nacht vor dem Fenster seines Freundes stand und nicht hineingelassen wurde. Die echte Geborgenheit, die er empfand, als er bei seinen Großeltern lebte, die ihn immer so annahmen, wie er war. Mit allen Ecken und Kanten. Jede Situation seines Weges konnte ich nachempfinden. Wie er obdachlos wurde und trotzdem weiterhin zur Schule ging, um sein einziges wirkliches Ziel – das Abitur – zu erreichen. Wie er sich schämte, als er an der Supermarktkasse darauf warten musste, dass der Filialleiter den Lebensmittelgutschein einlöste. Seine Zeit auf dem Hamburger Kiez mit all seinen Gegensätzen und später die ehrenamtliche Arbeit in der Flüchtlingshilfe, während er selbst oft nicht wusste, wo er die nächste Nacht verbringen würde.

Immer wieder musste ich das Buch zur Seite legen, tief durchatmen und mir die Tränen mit dem Handrücken wegwischen.

Im Luxus ertrinken

Dieses Buch steckt voller wertvoller Bilder, Erfahrungsberichte und Denkanstöße. Und eigentlich sollten alle, denen es wirtschaftlich halbwegs gut geht, Dominiks Geschichte lesen, um sich bewusst zu machen, dass wir im Luxus ertrinken und dass es unzählige Menschen gibt, die täglich auf der Straße um das buchstäbliche Überleben kämpfen. Schlaue Sprüche, wie etwa „Geh‘ doch arbeiten!“ helfen da nicht wirklich weiter. Eine Flasche Wasser, ein paar Euro, ein warmer Schlafsack schon eher. Und nicht nur im Winter! Ein freundlicher Blick und ein kurzes Gespräch auf Augenhöhe können das Highlight des Tages werden.

Die Reise beginnt

Unter Palmen aus Stahl hat einen eigenen, teils poetischen Schreibstil. Dominiks Stil. Ich bin zutiefst beeindruckt von diesem Mann und werde sein Buch nicht zurück ins Bücherregal stellen, sondern auf die Reise schicken und weiter verschenken, damit es von vielen anderen gelesen werden kann, die es sich vielleicht nicht selbst kaufen würden, oder können.

Den ersten Weg wird es zurück nach Düren machen. Ich bin gespannt, welchen Weg es von dort aus geht. Das Päckchen liegt schon fertig frankiert für die Post auf meinem Tisch.

Textauszug

„Ich versuche immer zu warten, bis eine Kasse frei ist, doch man kann auch nicht überall Gutscheine einlösen, meistens geht das nur in großen Supermärkten. Also steht hinter mir doch oft eine Schlange und beobachtet das Schauspiel. Dieses Papier kennen nur wenige Kassierer, und die Umstehenden haben es wahrscheinlich auch noch nie gesehen. Die Kassierer nehmen mir den Zettel ab und legen ihn vor sich. Zum Abgleich, dass ich auch wirklich die Person bin, die über den Gutschein verfügen darf, muss ich meinen Ausweis zeigen. Der Kassierer alleine ist nicht befugt, den Gutschein als Zahlungsmittel einzulösen, er muss den Filialleiter dazuholen. Der Filialleiter prüft erneut mit einem deutlich strengeren Blick das Papier und den Ausweis, dann tippt er etwas in die Kasse, und der Kassierer behält den Gutschein ein. Das Ganze dauert fünf Minuten. Die Zeit geht nicht rum, und jede einzelne Sekunde möchte ich nicht ich sein.“

Unter Palmen aus Stahl - Blog-2

Bilder: Die abfotografierten Illustrationen von Charlotte Hintzmann stammen aus Unter Palmen aus Stahl 


Linda GrüneisenAutorin

Linda Grüneisen schreibt und arbeitet seit einigen Jahren für den Spatzenschwarm Verlag. Sie kümmert sich um Social Media und ist nebenberuflich als Fotografin unterwegs. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit liegen ihr besonders am Herzen. Sie lebt in Butjadingen, an der Nordseeküste.