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Schreibpflug2Isolation, Social Distancing, Quarantäne, Abstand, das sind die Schlagworte in der aktuellen Zeit. Wie komme ich damit zurecht, allein zu sein? Sind kreative Menschen wie Autoren, Songschreiber, Maler und Musiker nicht ohnehin gut darin, allein zu sein und die Zeit zu Hause in kreativen Output zu verwandeln? Zu Beginn der Coronakrise habe ich mir eine alte Schreibmaschine besorgt. Irgendwie war das schon länger ein Wunsch gewesen und nun sah ich mich zunächst sehr lange allein zu Hause sitzen. In mir löste das ein pures Glücksgefühl aus. Endlich wieder mehr Zeit für mich und meine Ideen! Das war jedenfalls der erste oder zweite Gedanke. Und falls, wie in einigen Szenarien von besorgten Freunden und Medien, auch noch der Strom ausfallen würde – warum auch immer, könnte ich trotzdem etwas tippen, so richtig Retro jedenfalls!

Mein Spaziergang mit einer Schreibmaschine

Da ich nicht zu den Menschen mit einem Auto gehöre und ich durch die Kontaktbeschränkung auch niemanden mit der Abholung der Schreibmaschine aus einem anderen Stadtteil belästigen wollte, war das erste Erlebnis mit meiner Schreibmaschine, ein langer, sonniger Spaziergang nach Hause. Gemeinsam spazierten „wir“ durch ruhige Straßen und einen gerade mit frischem Grün bedeckten Park, wo die Vögel ihr erstes wildes Frühlingskonzert gaben. Das war ein toller Moment mit großer Vorfreude auf…

…das magische Hämmern der Tasten.

Mein erster sinnvoller Text, der gleich entstand, als der Zauber der für mich neuen Schreibmaschine noch ganz frisch war, wurde eine Kurzgeschichte. Eine Woche später sollte meine Nichte 5 Jahre werden. Und da ich sie durch die Kontaktbeschränkung nicht zum Geburtstag besuchen konnte, dachte ich, dass sie vielleicht Freude an einer kleinen Geschichte hätte. Und so ist dann meine Kurzgeschichte „Das ängstliche Entenkind“ entstanden (Link zum Lesen und Lauschen). Da die Aufmerksamkeitsspanne des Geburtstagskindes beim Vorlesen über Skype (neben all den physischen Geburtstagsgeschenken und Süßigkeiten) sich um einen ungeahnten Teil verkürzte, nahm ich die Geschichte anschließend auch noch zum Anhören für später auf und teilte sie daraufhin außerdem mit dem Internet.

Habe ich nun wirklich mehr Zeit?

Nachdem ich anfangs schon auf meinem Blog Musifiziert.de geschrieben hatte, wie sich die Coronakrise auf mich als Musikerin auswirke und wie hin und hergerissen ich mich zunächst fühlte, mit meinen Existenzängsten und der vielleicht zusätzlichen Zeit, sehe ich meine Situation nun etwas klarer. Meine Projekte haben sich verlagert. Ich habe meine Strategie geändert und alles neu kalkuliert. Mehr Zeit ist es nicht wirklich geworden, ich nutze sie jetzt nur in anderen Bereichen. Und ich entwickele für mich daraus neue Chancen und verbreitere meine restlichen Einkommenspfade. Ich halte es für einen cleveren Schachzug, möglichst breit aufgestellt zu sein.

Meine Schreibprojekte…

Wenn man mich nach meinen aktuellen Schreibprojekten fragen würde, würde ich sagen, dass ich weiter an meinem Buch schreibe, was ich als Ergänzung zu meinem Blog einmal veröffentlichen möchte. Das ist jedenfalls ein großer Wunsch. Doch vorrangig muss ich mich weiter um meine finanzielle Situation kümmern. Und so komme ich, neben Unterrichtsterminen auf Skype, unterschiedlichen Studiojobs und der Arbeit an meiner eigenen Musik (mein Album soll nämlich auch mal fertig werden), im Moment doch tendenziell leider selten dazu, an meinem Buch zu arbeiten. Meine Schreibtätigkeiten beschränkt sich derzeit auf kürzere Texte, wie dem Umformulieren von eigenen Songtexten, dem gelegentlichen Schreiben solcher Beiträge (wie diesem hier) und dem mit Schreiben verbundenem geschäftlichen Alltag im Homeoffice. Das muss ja auch gemacht werden. Man kann ja wirklich froh sein, wenn man noch Rechnungen schreiben kann.

Hat sich durch die Coronakrise wirklich etwas bei mir verändert?

ukuleleTeilweise. Das Veranstaltungsverbot legt den Spielbetrieb und die Proben im Theater lahm. Manche meiner Jobs fallen dadurch weg. Auch die Auftritte jetzt im Frühjahr mit dem Kabarett Bienenstich, dem ich seit dem letzten Jahr angehöre, können nicht stattfinden. Andere Bereiche, wie die Arbeit im Homestudio und auch das Schreiben, funktionieren glücklicherweise aber. Statt die Wohnung zum Arbeiten zu verlassen, findet alles zu Hause statt. Das mag ich und habe ich zum großen Teil vorher ja auch so gemacht. Zwischenmenschliches geht auch, per Skype, Telefon oder E-Mail. Es hat sich also scheinbar alles eingependelt.

Privat könnte ich schon mal durchdrehen!

Mir fehlt das gemeinsame Austauschen, Grillen, Picknicken und in der Natur sein, gemeinsames Proben, Musizieren, sich mal in den Arm nehmen. Immer nur zu zweit, immer auf Abstand. Das nervt! Klar, verstehe ich den Sinn darin, doch sehe ich in der schrittweisen Eröffnung der Schulen, Geschäfte und Friseurgeschäfte als Lockerung einen Widerspruch zu dem, was man privat darf und was nicht. Mal dahingestellt, was diese Maßnahmen wirklich taugen. Mich macht das beinah wütend und mir fehlen die physischen Zusammentreffen mit meinen Lieblingsmenschen total. Und dann gibt es ja auch die, die einfach Angst haben, weil sie zur Risikogruppe gehören, die sich nicht mehr vor die Tür trauen. Klar, die Medien vermitteln da Panik. Vermutlich werden auf lange Sicht noch viel Menschen mehr krank, dann wahrscheinlich aber auf psychischer Ebene.

Soll es danach normal weitergehen?

Ich wünsche mir, dass die jetzige Situation für ein Bewusstsein und eine größere Verantwortung beim Thema Gesundheit sorgt. Dass Menschen, die krank sind, sich erst auskurieren, bevor sie sich zukünftig wieder in Beruf und Gesellschaft begeben oder zum Beispiel, dass man sich als erkrankter Mensch, der mit einer Erkältung einkaufen geht, einen Mundschutz aufsetzt, halte ich für sinnvoll. Gerade als Sängerin brauche ich meine Stimme und ärgere mich jedes Mal, wenn jemand so rücksichtslos ist und ein persönliches Treffen nicht absagt, wenn er oder sie krank ist. Es hat mich schon immer gestört und auch gewundert, dass viele Menschen da so unvernünftig sind. Besonders für uns selbstständigen SängerInnen bedeutet es im Fall einer Ansteckung und Erkrankung oft einfach den Wegfall des Einkommens.

Mein Wunsch für uns alle…

Wenn ich schon einmal dabei bin… Ich hoffe auch, dass ein Bewusstsein für unsere Umwelt und die Zeit zum Reflektieren bei den Menschen bleibt. Aktuell scheinen jedenfalls mehr Menschen als vorher ihre Welt und ihre Bestimmung wirklich zu sehen. Das zumindest ist doch eine schöne Entwicklung. Wenn die restlichen auch öfter den Fernseher aus lassen würden und stattdessen sich Zeit für ein Buch, Musik, Kunst oder einfach guten Gesprächen mit anderen Menschen nehmen würden, dann glaube ich, würde sich eine größere Zufriedenheit im Kollektiv entwickeln. Man kann ja noch hoffen.


Binegra quer web2

Die Autorin

Binegra ist eine Liedermacherin und Autorin aus Dessau. Für den Spatzenschwarmverlag hat sie u.a. den Verlagssong geschrieben und beim legendären Spatzenschwärmen 2017 den Tieren auf dem Hof von Niko Nimmersatt ihre Stimme geliehen.

(c) Fotograf: Steven Schwanz