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birneNeulich, in der Schlange vor dem Drogeriemarkt:

„Hättest du vor zehn Tagen gedacht, dass wir hier mal anstehen würden?“, fragt mich ein Bekannter.

„Niemals!“, sage ich und schüttle den Kopf.

„Du könntest ein Buch darüber schreiben“, sagt er.

Eine Dystopie, meint er.

„Zu spät“, erwidere ich bedauernd, „die Realität hat uns längst eingeholt.“

Weit weg…Schreiben in Zeiten von Corona

Anfangs habe ich Corona aus der Ferne bestaunt. China war weit weg. Mit den Fällen von Heinsberg rückte das Virus dann auf einmal ganz nah. Angst, Unsicherheit, Schock – und nackte Panik – wechselten sich ab. Abstand halten war angesagt. Jeder Gang zum Supermarkt, jeder Spaziergang geriet plötzlich zum Slalomlauf um andere Menschen herum. Es gab Momente, da war ich zu gelähmt, um am Schreibtisch etwas Vernünftiges zustande zu bringen.

Jetzt wird es Zeit, wieder etwas Ruhe einkehren zu lassen. Eigentlich hat sich für mich gar nicht so viel geändert, habe ich festgestellt. Ich bin sowieso viel zu Hause. Und ich schreibe. Was sich aber doch geändert hat, ist meine Einstellung zum Schreiben.

Jede Autorin, jeder Autor kennt – und fürchtet – ihn: den Zweifel am eigenen Tun. Diesen kleinen, boshaften Troll, der auf der Schulter hockt und einem ins Ohr flüstert: „Das ist nie gut genug, was du da fabrizierst! Das wird eh keiner lesen! Hau dich lieber auf die Couch, lies Schundromane und futtere Pralinen!“

Diese Stimme ist nun verstummt. Ich habe sie mundtot gemacht. Jetzt sitze ich jeden Tag an meinem dritten Roman. Ohne Wenn und Aber, ohne Rumgezicke, ohne Ausweichmanöver. Jeden Tag schaffe ich ein kleines Stück mehr. Die Routine gibt mir Stabilität.

Inken & Bruno

… ist nicht nah genug, …

Was würde die Hauptperson aus „Krötenregen“, der Kontaktanzeigenschreiber Leonard, wohl zu dem Ganzen sagen? Leonard ist ein Menschenbeobachter, ein Nachdenker, ein ewiger Zweifler. Er würde auf seinen Spaziergängen jeden verfluchen, der keinen Abstand hält, still für sich. Er würde Hamsterkäufer verachten, aber seinen eigenen schwindenden Vorrat mit Sorge beobachten. „Diktatur“ würde er flüstern, angesichts der täglich zunehmenden Regeln und Verbote. Doch er würde sie resigniert befolgen; weil sie vernünftig und notwendig sind.

Als ehemaliger Historiker würde Leonard zum ersten Mal verstehen, was Diktatur tatsächlich bedeutet. Er würde sich Sorgen machen, ob es hier auch so weit kommen könnte. Oder ob danach alles wieder so weitergehen würde wie vorher – im Guten wie im Schlechten. Er würde sich fragen, ob das Virus und unser Umgang damit unsere Gesellschaft verändert. Und wie es passieren konnte, dass Menschen, die ihm sonst egal sind – also 99 Prozent derer, die er täglich auf der Straße trifft – auf einmal zu potenziellen Feinden werden. Zu möglichen Virusüberträgern, die er meiden muss.

Doch er würde sich diebisch freuen, dass die Reichen, die Privilegierten jetzt abgestraft werden. Die Angeber, die Aufschneider, die sich nur über ihre Arbeit definieren und sich für den Nabel der Welt halten – sie werden nun von Krankenschwestern, Altenpflegern und Kassiererinnen überholt. „Ich? Nicht systemrelevant? Ha!“, werden sie ausrufen, sich auf die Brust schlagen – und in ihren Homeoffices heftig unter dem eigenen Bedeutungsverlust leiden, so würde Leonard hoffen.

Wie wird es Leonard in diesen Zeiten mit Mia, seiner Liebsten, ergehen?

„Können wir uns überhaupt noch sehen“, fragt er bang am Telefon.

„Klar können wir uns weiter sehen“, Mia kaut irgendwas, „wieso nicht?“

„In den Nachrichten haben sie gesagt, es gibt jetzt ein Kontaktverbot! – Was isst du da?“

„Knäckebrot“, sagt Mia. „Wir sind ein Paar, oder? Du kannst gerne eine Weile bei uns wohnen, wenn dir daheim die Decke auf den Kopf fällt.“

„Aber Jonathan … Dein kleiner Sohn …“

„Wir sind ein geschlossener Kreislauf“, sagt Mia, „du, ich und Jonathan.“

Etwas fällt im Hintergrund zu Boden, der Poltergeist Jonathan ist hörbar am Werk.

„Kein Anblick flößt einem dieser Tage mehr Angst ein als der eines Achtjährigen“, stößt Leonard hervor. „Kinder sind die schlimmsten Virusschleudern!“

„Herrgott noch mal“, sagt Mia streng, „komm vorbei oder bleib zu Hause. Aber entscheide dich!“

Da wäre ich jetzt selbst gespannt …

… aber auf jeden Fall zu spät

Leonard und ich werden diese Krise aussitzen. Eines Tages können wir wieder unsere Freunde umarmen. Wir werden im Park sitzen, die Sonne genießen und Erdbeereis essen. Wir werden an Fremden vorbeigehen, ohne entsetzt zur Seite zu springen.

Bis dahin wird Leonard jeden einzelnen Tag zählen, den er seit Beginn des Corona-Ausbruchs überstanden hat – bis ihm einfällt, dass er ja keine Listen mehr anlegen wollte, nicht einmal im Geiste. Er wird mit der patenten, optimistischen Mia an seiner Seite die Krise meistern.

Mein Troll wird sich wieder zu Wort melden. Er wird zurück auf meine Schulter hüpfen und mir hässliche Dinge ins Ohr flüstern. „Zu spät“, werde ich lachend zu ihm sagen.

Denn bis dahin ist mein drittes Buch längst fertig geschrieben.


leuther

 

Marion Leuther ist Autorin und lebt in Köln. 2019 ist im Spatzenschwarm Verlag ihr Roman Krötenregen erschienen.