Schlagwörter

, , , , ,

Zensur

Stellen wir uns kurz vor, farbenblind zu sein. Schwarz, weiß und eine unendliche Fülle von Grauschattierungen dazwischen mit hauchfeinen Abstufungen machen unserer visuelle Welt aus. Aber ob das zartgraue Hemd nun himmelblau, lavendel, pantherpink oder mauve ist und zur dunkelgrauen Jeans passt …? Um das zu klären und peinlich-gepeinigte Blicke zu vermeiden, braucht es den Rat vertrauenswürdiger Farbseher. Außer natürlich, man hält polychromatisches Sehen für ein subjektives Konzept, die Rücksicht auf Sehgewohnheiten Anderer für den Untergang der abendländischen Kultur und freundliche Empfehlungen für Zensur.

Eigentlich ist es ganz einfach, aber…

Die Website von „sensitivity reading“ dient einem ähnlichen Zweck wie diese freundlichen Berater. Sie hilft Autorinnen, „über Themen zu schreiben, die außerhalb der eigenen Erfahrungen … liegen, … die Lebenswelt und das Gefühl von marginalisierten Personen in Worte zu fassen … und unabsichtlich abwertende Beschreibungen im Text …“ zu vermeiden. Für mich klingt das einleuchtend: Wenn ich in einem Roman Menschen aus einem anderen Kulturkreis als meinem eigenen oder einer mir nicht vertrauten Lebensumwelt beschreibe und Klischees oder sogar unbewusste rassistische Bemerkungen vermeiden will, lasse ich jemanden drüberlesen, der etwas davon versteht. Ich hole mir kulturelle Sehhilfe, um niemanden – darauf liegt die Betonung – unabsichtlich zu verletzen. Will ich hingegen mit voller Absicht verbal auf Zehen treten, bleibt mir das natürlich unbenommen und meine Formulierungen verlangen dann vom Empfänger naturgemäß auch kein besonderes Feingefühl, um die ihnen innewohnende Absicht zu erkennen.

Nun scheint es allerdings im Literaturbetrieb Menschen mit übersteigerter Empfindsamkeit zu geben, deren Sensorik etwas unscharf kalibriert ist. Ein Beispiel dafür ist der Journalist Harald Martenstein, dessen Meinung zum Sensitivity Reading auf NDR Kultur zu hören ist. Der vermutlich gleichlautende Text befindet sich im ZEITmagazin Nr. 34/2019 hinter einer Paywall. Ich kannte ihn bisher nicht und hatte den Eindruck, dass er sich für eine Reinkarnation von Marcel Reich-Ranicki mit der Stimme von Harry Rowohlt hält. Schon im Teaser des NDR Kultur-Beitrags wird angekündigt, Martenstein würde erklären, warum Sensitivity Reading nichts Geringeres als „das Ende der Literatur“ bedeutet.

… das Ende der „Literatur“ droht…

Da ist man gespannt, muss sich aber erstmal daran gewöhnen, wie jemand in durchgehend spöttisch-belustigtem Unterton und mit dem Gestus einer krausen Eminenz der Literatur vom Podest milder medialer Machtfülle auf eine unkritisch lauschende Anhängerschar heruntersalbadert. Nachdem er knapp die Ziele der „Prüfer-Stern-innen“ von Sensitivity Reading darzustellen versucht hat, folgt eine Reihe steiler Statements. Die Idee sei, so Martenstein, dass Betroffene in Roman so dargestellt werden, wie sie es sich wünschen. „Das bedeutet – man kann es nicht oft genug sagen – das Ende der Literatur.“ Zwar hat er es vorher noch gar nicht gesagt, scheint aber der Idee anzuhängen, wenn man etwas oft genug wiederholt, würde es irgendwann wahr.

Und warum droht das Ende der Literatur? Weil die Subjektivität des Autors eine tragende Rolle spielt, erklärt Martenstein. Spätestens an diesem Punkt hat er sich bereits zu sehr in Rage geredet um zu bemerken, dass die Subjektivität der Autorinnen gar nicht bedroht ist. Stattdessen legt er sich für Missverständnisse ins Zeug, denn „gerade durch Vieldeutigkeit werden Texte oft gut.“ Und bevor er erklären muss, in welcher Dudenausgabe Missverständnisse ein Synonym für Vieldeutigkeit sind, ruft er auch einen der ganz Großen der Literaturgeschichte für seine Theorie vom Untergang des Abendlands in den Zeugenstand und frohlockt, „… dass Kafka nicht darstellen musste, welches Regime er in ‚der Prozess‘ beschreibt“, weil – wir ahnen es – er noch nicht vom Sensitivity Reading wusste. Das ist zwar alles etwas wirr konstruiert, aber wenn es nicht mehr nur um das Unbehagen von Herrn Martenstein geht, sondern Kafka vom Sensitivity Reading bedroht wird, dann hört der Spaß auf und das logische Denken kann schonmal aussetzen. Zwar hat Kafka sich vor allem selbst zensiert und der größte Teil seines Werkes wurde posthum gegen seinen Willen veröffentlicht, aber – geschenkt.

So ist auch der Weg frei für das nächste Kuriosum. Als er als Journalist anfing, erzählt Martenstein, und seine Stimme bekommt einen schwärmerischen Unterton, „… da hieß es: Wenn Sie über eine Person schreiben, dann geben Sie ihr bloß nicht vor der Veröffentlichung das Manuskript zu lesen. Die Person wird verlangen, dass alles gestrichen wird, was ihrem Image schadet.“ Kann man natürlich machen, oder auch gleich, wie Claas Relotius, Interviews komplett erfinden. Mir wurde hingegen beigebracht, dass Interviewpartner zwar mitunter herausfordernd sein können, seriöse Journalisten sie aber trotzdem das Manuskript sehen lassen. Das schafft eine Vertrauensbasis. Und vielleicht möchte man die gleiche Person ja später nochmal interviewen.

Wer sich jetzt fragt, was Romane und Interviews miteinander zu tun haben, ob hier vielleicht einfach abgelenkt werden soll und ob Herr Martenstein etwa der Meinung sei, Inhalte würden von den Sensitivity Readern auf Gefälligkeit geprüft, der liegt zwar richtig, bekommt aber ein empört geraspeltes „Was denn sonst!?“ zu hören.

… und das der Meinungsfreiheit auch, denn…

Mit „Der Ruf nach Zensur schallt aus der Gesellschaft“, läutet er das Finale seines Weltuntergangsszenarios ein. Hat er sich da vielleicht verhört? Ist es nicht vielmehr der Ruf „Zensur!“, der da tönt? Und nicht aus der Gesellschaft, sondern von der Gruppe, die sich gern als „Volk“ bezeichnet?

Nein, beteuert Martenstein, und deckt die volle Verschwörung auf: „Etliche Gruppen ertragen es nicht, dass andere anders reden oder anders denken als sie, und kaum jemand wagt, sich ihnen entgegenzustellen, weil das alles in der Verkleidung einer höheren Moral daherkommt.“ Wir sehen: Martenstein traut sich. Er stellt sich „etlichen Gruppen“ mannhaft entgegen.

Das klingt alles schon sehr nach dem Geraune vom rechten Rand, wo ja immer gleich Zensur gefürchtet wird, wenn jemand anderer Meinung ist oder rassistische Äußerungen einfach nicht als Argumente anerkennen will. Ein wichtiges Merkmal von Zensur ist aber, dass Meinungen mit Gewalt oder unter Androhung von Gewalt effektiv unterdrückt werden. Nach seinem einleitenden Lob der Missverständnisse hielt ich es erst für möglich, Martenstein habe überlesen, dass es um „unabsichtlich abwertende Beschreibungen“ geht und Sensitivity Reading nur ein Angebot ist. Aber kurz vor dem Ende seines Textes greift er selbst das Argument auf, man müsse den Vorschlägen ja nicht folgen – um den Einwand dann gleich vom Tisch zu wischen. Natürlich ohne Begründung. Das spricht dann schon sehr dafür, dass er von Anfang an Strohmänner aufgestellt hat, um diese dann, zum Wohle seines Grundthese vom Ende der Literatur, zu vernichten.

Sensitivity Reading ist ein Schritt des Lektorats, wie Elif Kavadar in einem Artikel auf TOR-ONLINE erklärt. Folglich müsste sich Martensteins Unmut auch generell gegen das Lektorieren von literarischen Werken wenden. Lektorieren als Ende der Literatur? Als Unterdrückung erzählerischer Subjektivität? Als Zensur? Tut er aber nicht. Sollte ihm da eine viel größere Gefahr entgangen sein?

… Rücksicht ist Zensur

Die Warnung vor der Zensur – zumindest für Sensitivity Reading – wird von Martensteins Anhängern offenbar begeistert aufgenommen, wie einige von Elif in ihrem Blogbeitrag bei 54Books zitierte Reaktionen auf die Website zeigen. Kritiklos werden die absichtlichen Fehldeutungen Martensteins akzeptiert. Dass es sich um ein Angebot handelt für Menschen, die unabsichtlich – man kann es wohl nicht oft genug sagen – abwertende Beschreibungen in ihren Texten vermeiden wollen, aber nicht um die Unterdrückung von Meinungen – wie denn auch – und keinem das Recht abgesprochen wird, sich so darzustellen, wie es seinem Selbstbild entspricht, fällt der Empörung zum Opfer.