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IMG_3430Der Geschichte auf der Spur

Rifstangi – Landsend, Finistère auf Isländisch. Ein Ort, wo das Land zu Ende ist. Hierher hat es Kay Niebank, den Gründer unseres Verlags, vor wenigen Tagen verschlagen. Zu Fuß unterwegs. Zelt und Verpflegung im Gepäck. So wanderte er durch isländische Weiten, um sich den Ort aufzusuchen, an dem einst einer unserer Autoren lebte und den Roman Skaftafeuer schrieb. Kays Reisebericht erreichte mich per E-Mail und das ist der Grund dafür, dass ich ihn nun mit euch teilen kann. Ihr solltet ihn genießen. Also: Kocht euch einen Tee, lehnt euch zurück und wandert mit… [Linda Grüneisen]

Immer gegen den Wind

Wie ein ausgestreckter Zeigefinger weist die Landzunge nach Norden. Noch drei Kilometer über graue Wogen und gegen den Wind – immer gegen den Wind – bis zum Polarkreis. Für die Küstenseeschwalben eine Kleinigkeit. Schließlich fliegen sie jährlich dem Tag hinterher. 40.000 Kilometer von der nördlichen zur südlichen Polarregion. Aber warum sollten sie sich die Mühe machen? Für imaginäre Linien interessieren sie sich nicht.
Auf dem größeren der spiegelglatten Seen ruft ein Eistaucher. Der langgezogene Schrei steigt eine Terz und verhallt. Die weißen Puschel des Wollgrases nicken dazu. Drei Schafe – alleinerziehende Mutter mit Zwillingen – grasen ungerührt weiter. Sie haben mich längst entdeckt, ebenso wie die zwei Küstenseeschwalben, die jetzt aber trotzdem einen halbherzigen Angriff auf mich starten, rüttelnd kurz über mir in der Luft verharren, die spitz zulaufenden Flügel und die Federn des gespreizten Schwalbenschwanzes von der Sonne durchleuchtet, unendlich elegante, fragile Geschöpfe – um dann diesen Eindruck zu zerstören, indem sie, garstige fliegende Furien, ihren isländischen Namen kreischen: „Kría!“

Begegnung mit Raben und Bären

Im See spiegelt sich der einst nördlichste Hof Islands, seit 1947 aufgegeben und heute nur noch eine Ruine. Damals wohnten dort, auf Rif, zwei Familien, erzählte mir Gunnar, als ich gestern Abend hier eintraf. „Heute“, fuhr er fort, „brütet dort jedes Jahr ein Rabenpaar. So ist er noch immer zu etwas gut.“
Gunnar selbst wohnt schon lange im Süden Islands, kommt aber immer wieder hierher, inspiziert das Strandgut – „ich finde immer etwas“ – angespülte Geschichten, Baumstämme aus Sibirien, wie bleiches Riesenmikado über das Strandgeröll verstreutes Treibholz, rote und gelbe Schwimmer von Fischernetzen, Seeigelschalen, einzelne Schuhe, Kiesel aus Grönland, die wie gelegentlich gesichtete Eisbären auf Treibeisschollen anreisen.
Ein Eisbär soll „vor mehreren Jahren“, schrieb der Islandreisende Paul Herrmann bereits 1913, durch ein Fenster des Bauernhofes von Rif seine Pranke nach einem Kind in der Wiege ausgestreckt haben. Auf das Schreien des Säuglings eilte die Mutter herbei, sah die Bescherung, griff sich beherzt ein Beil und hieb die Tatze ab, heißt es. Anschließend machte der Bauer dem lädierten Bären „völlig den Garaus“.
Etwas abseits der Hausruine steht der inzwischen dachlose Schafstall, zwischen dessen Wänden Gras und Löwenzahn so üppig wie sonst nirgends auf der Landzunge wachsen. Auch dazu weiß Gunnar eine Geschichte. Nämlich wie sich einst die Schafe weigerten, die sonst von sich aus jeden Abend den Stall aufsuchten, auch nur in die Nähe des Bauwerks, damals noch aus Treibholz und Grassoden, zu kommen. Nur wenige Tiere ließen sich widerwillig hineintreiben. In der Nacht fegte eine Flutwelle den Stall und die darin befindlichen Schafe ins Meer.

Zum Anfang der Geschichte

Im Gegenzug erzähle ich ihm von einem Verleger, der sich auf der Suche nach den Spuren eines Autors ans Ende der Welt aufmacht, zum Anfang der Geschichte. Denn dies ist der Ort der Geschichten, und eine ganz besondere ließ mich den Weg auf mich nehmen, abseits von Buslinien, zu Fuß, mit Rucksack und Zelt. Auf diesem Hof wurde 1873 Guðmundur Magnússon geboren, der Sohn des Landarbeiters Magnús. Er wuchs auf, ohne eine Schule zu besuchen, arbeitete als Knecht und Fischer, wurde aber unter dem Namen Jón Trausti zu einem der bekanntesten und sehr produktiven Schriftsteller seiner Zeit und seines Landes.
Gunnar nickte und bot mir ein Mückennetz an. Gegen die Fliegen, die uns umschwirrten, seit der Wind nachgelassen hatte. Woher sie kämen, wüsste man nicht. Also die Fliegen, die Mückennetze kämen aus China. Eine Verschwörungstheorie hob zaghaft den Finger und räusperte sich. Gunnar wedelte sie beiseite. Also die Theorie, nicht die Fliegen. Vielleicht, schlug ich vor, auf Eisschollen von Grönland? Gunnar schien den Gedanken zu erwägen und sagte dann: „at least they don’t bite.“ Worauf ich, unsicher, ob ein logischer Zusammenhang zu meiner Eisschollenhypothese bestand, das erwiderte, was man in Island in solchen Fällen gern antwortet: „Já“ (sprich: jau) und, wichtig, dabei die Luft einsog.
Jón Trausti wuchs in einer Zeit ohne aktuelle Nachrichten auf, wenn sie sich nicht gerade in der Umgebung von Rif ereigneten, wie etwa die Havarie des Kutters, dessen Kessel am Strand zwischen den Grasnelken rostet. Wichtige, erzählenswerte Neuigkeiten mussten einen langen Weg bis auf die vereinzelten, einsamen Höfe zurücklegen. Überbringer waren berittene Reisende, aber vor allem Landstreicher und Bettler, die zu Fuß von Hof zu Hof zogen, unterwegs das Eine erfuhren, das Andere hinzu erfanden, manchmal mit Zauberrunen handelten, mit Glücksbeschwörungen und Liebeszaubern. Aber vor allem zahlten sie mit Geschichten, und fanden manchmal als Charaktere selbst den Weg in die Literatur des Landes.

Die Geschichte in der Geschichte

Als ich von der Schotterstraße auf den Weg nach Rif abbiegen wollte, kam mir mit einer Staubwolke im Schlepp ein Geländewagen entgegen, das siebente Fahrzeug an diesem Tag, und fuhr vorbei. Die Wolke blieb noch eine Weile, und als der Staub sich lichtete, zeichnete sich im Gegenlicht eine unbeeindruckt voranstrebende Silhouette ab, mit Rucksack auf dem Rücken und die Wanderstöcke schwingend.
Eine Fernwanderin aus England, kurz vor dem Ende ihrer Islanddurchquerung. Eine weitere Geschichte. Am südlichsten Punkt hatte sie nicht starten können, weil eine Filmcrew sie vertrieben hatte. Wieder war es also um das Erzählen einer Geschichte gegangen, nur dass in dieser Erzählung kein Platz für eine Frau mit Rucksack war. Also war der südlichste Leuchtturm ihr Startpunkt geworden. Und hier nun, 16 Tage später, sollte die Wanderung auch an einem Leuchtturm enden. „Makes sense – somehow“, fand sie. Der Leuchtturm erhob sich auf der nächsten Landzunge links, gleich hinter den brütenden Eiderenten.

Ein wenig Stolz

Wäre das eine Geschichte für Jón Trausti gewesen? Ein Heldenstück ist die Durchquerung der Insel aus eigener Kraft allemal. Er hat in seinen Romanen vor allem die Schicksale der armen Bevölkerung, die er aus eigener Erfahrung nur zu gut kannte, mit großen historischen Ereignissen verwoben – Geschichte mit Geschichten. So zum Beispiel den Ausbruch der Laki-Spalte, eine der größten Naturkatastrophen in historischer Zeit, die nicht nur einen großen Teil der Bewohner Islands vernichtete, sondern in der Folge ganz Europa in Mitleidenschaft zog.
Ihn selbst kostete ein ebenfalls eher europäisches Ereignis das Leben. Er starb im November 1918 an der Spanischen Grippe. Von seinen Werken ist bisher nur der Roman „Skaftáfeuer“ ins Deutsche übersetzt – und bei uns (im ehemaligen NR-Fachverlag) erschienen – worauf ich schon ein wenig stolz bin.

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Wer mehr über Islands wüste Weiten lesen möchte, dem sei dieser Reisebericht wärmstens empfohlen: Wüste Weiten von Kay Niebank