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Katherine Pancol: Die gelben Augen der Krokodile

gelbauge

Wie vermutlich die meisten Menschen, lese ich lieber gute Bücher. Aber wenn’s an Rezensieren geht, sind mir die anderen lieber. Macht einfach mehr Spaß. Ausgleichende Gerechtigkeit? Vielleicht hockt in der hintersten Kammer meines Herzens, dort, wo es am schwärzesten ist, auch nur ein alter, böser Mann. Oder es bewahrheitet sich mal wieder der Spruch: Nichts ist so schlecht, dass sich nicht auch etwas Gutes darin findet.

Katherine Pancol hat die Grundidee aus Cyrano de Bergerac auf zwei ungleiche Schwestern im heutigen Frankreich übertragen. Die eine ist schön, oberflächlich und wohlhabend verheiratet, die anderer, Joséphine, hingegen eine ebenso gutmütige wie naive „graue Maus“, bei der die Schönheit eher innen liegt. Die Historikerin Joséphine lässt sich überreden, einen im 13. Jahrhundert spielenden Roman zu schreiben, den ihre Schwester dann unter dem eigenen Namen medienwirksam vermarktet. Pancols Plot hat das Potenzial zu einer amüsanten kleinen Geschichte. Doch leider hat sich die Autorin dazu hinreißen lassen, die Handlung auf mehr als 600 Seiten auszuwalzen und war zudem von dem Muster der gegensätzlichen Geschwister so angetan, dass sie es gleich noch zweimal im Buch untergebracht hat.

Hauptursache für die ermüdenden Längen, durch die sich der Roman auszeichnet, sind die unsäglichen inneren Monologe aller Beteiligten, die durchweg so klingen, als hätte die Autorin sie direkt aus ihren anfänglichen Charakterskizzen entnommen. Nicht genug, dass keinem dieser Gedankengänge eine individuelle Klangfarbe verliehen wurde, nein, Jeder scheint sich selbst für leicht begriffsstutzig zu halten und wiederholt darum einen einmal formulierten Gedanken noch mindestens zweimal mit anderen Worten. Auf kluge, überraschende Wendungen hofft man dabei allerdings vergebens.

Gern werden auch Abläufe detailliert beschrieben, so z.B. die einzelnen Schritte, die bei einem Getränkeautomaten zwischen dem Geldeinwurf und der Entnahme des gefüllten Kaffeebechers liegen. Sowas kann ein Stilmittel sein, aber nur, wenn es sich sinnhaft in den Handlungsverlauf fügt. Unmittelbar mitfühlen konnte ich daher, als es über eine der Figuren hieß: „Langeweile führte bei ihr zu Wutanfällen“. Ohja, eine verwandte Seele.

In solchen Fällen ist ein Hörbuch von Vorteil. Der Sprecherin ist es zu verdanken, dass ich überhaupt bis zum Ende durchgehalten habe. Gelegentlich weckten mich allerdings auch ihre sprachlichen Patzer, wenn sie etwa vom „vollkommen(d)en Einklang“ sprach, den Kindern „wollen(d)e“ Unterhemden andichtete (welche Wünsche hegt Feinripp?) oder wiederholt darauf bestand, dass das Wort „einzeln“ durch ein abschließendes „t“ nur an Deutlichkeit gewinnen kann. Auch die Wortpaare „hinein-herein“ und „hinaus-heraus“ wurden gern vertauscht.

Bei anderen Fehlern ist ungewiss, ob sie der Übersetzung oder der Autorin selbst zuzuschreiben sind. So ist der Roman ein unerschöpflicher Quell schiefer Metaphern und Vergleiche: alte Menschen haben pergamentartige Hände (als würde das Klischee für die Haut nicht genügen), Konkurrenten werden auf der Ziellinie abgefangen (statt auf der Zielgeraden, wo es noch irgendwie sinnvoll wäre), jemand beschwert sich zu recht, am Ende wieder die Scherben flicken zu sollen, wo doch „kitten“ viel einfacher wäre, als diese Sache mit Nadel und Faden, die Zeit fliegt dahin wie eine Feder (was wohl bedeutet, dass sie sanft zu Boden schaukelte) und die Kinder waren nach dem Badeurlaub „goldbraun wie kleine Nektarinen“ – also eher orange, oder hatte Frau Pancol bei „kleinen Nektarinen“ eigentlich sowas wie Haselnüsse im Sinn?

Sehr vergnüglich wird es dann zum Ende hin, wenn sich herausstellt, dass Joséphines pubertierende Tochter eine Affaire mit Mick Jagger hat und ihre Nachbarin in Wahrheit ein uneheliches Kind aus dem englischen Königshaus ist. Ähnlich glaubwürdig fällt auch die Schlussszene aus, in der Joséphine auf dem nächtlichen Balkon den Sternen ihren Kummer klagt, dabei von ihrer völlig verzogenen Tochter Hortense belauscht wird und sich beide nach 623 Seiten endlich in die Arme sinken. An dieser Stelle ist der Leser/Hörer bereits so froh, endlich bis hierher gekommen zu sein, dass er beinahe alles zu glauben bereit ist, und sich höchstens sorgt, die ausufernde Fantasie der Autorin könnte auf den Genuss kleiner goldbrauner Nektarinen zurückzuführen sein.

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