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Feld- und Haussperlinge gehörten früher zu den präsentesten Singvögeln in unseren Städten, doch heute findet man sie an vielen Orten gar nicht mehr. Bremens Spatzen machen sich ebenfalls rar. Was wir tun können, um sie wieder anzusiedeln, erfuhren wir beim NABU. 

Der Spatz war der Standardvogel meiner Kindheit in Bremen [Kay Niebank]. Alles was klein und gefiedert war, hüpfte und tschilpte, hieß „Spatz“. Meisen waren anfänglich für mich nur exzentrisch gefärbte Spatzen. Spatzen rabatzten in Schwärmen durch die Gegend, waren allgegenwärtig und selbstverständlich. Und wie alles Selbstverständliche, nahm ich sie irgendwann gar nicht mehr wahr.

Jahrzehnte später in einem Berliner Straßencafé: Ich sitze im Halbschatten und beobachte die grau-braun gefiederten Vögel, die sich an die Krümel auf meinem Tisch anschleichen. Wann habe ich das zuletzt beobachten können? Oder ausschwärmende Spatzen, die sich in einer Hecke um die besten Plätze kabbeln? Ich beginne, ernsthaft darüber nachzudenken. In Bremen sind die Cafés nämlich spatzenfrei. Und nicht nur die Cafés. Auch die kopfsteingepflasterten Gassen im Schnoor, die Parkbänke und nicht zuletzt mein eigener Balkon, obwohl ich einen schönen Garten hinter dem Haus habe.

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Spurensuche

Dienstag, 06. März 2018. Ein kleiner Parkplatz im Bremer Osten. Die Sonne scheint auf einen überfrorenen Wassergraben. Vogelgezwitscher überall, Gewächshäuser, und drum herum Bäume und Sträucher. Hier treffen wir [Kay Niebank & Linda Grüneisen] den Ornithologen und Mitarbeiter der NABU-Geschäftsstelle Bremen, Torben Reininghaus, dem wir genau diese Frage gestellt haben: Wo sind die Bremer Spatzen?

„Am besten bleiben wir erstmal draußen.“ Ein guter Vorschlag von Torben, der uns gleich zu Beginn unseres Treffens über das Gelände führt. Ein Eichhörnchen flüchtet auf eine Tanne, zwei Elstern wechseln ihren Platz im Geäst. Hier lässt man die Natur weitestgehend so wachsen wie sie will, und das freut [vermutlich] auch die Spatzen. Sehen können wir allerdings keine, auch wenn Torben uns versichert, dass es hier noch welche gibt.

Puristen oder Luxusimmobilienbesitzer?

„Spatzen brauchen bestimmte Bedingungen, um sich wohlzufühlen“, erklärt Torben Reininghaus und zeigt auf die noch blattlosen Hecken und Weiden, in denen Blau- und Kohlmeisen herumturnen.

Wir machen uns sogleich eine gedankliche Notiz und überlegen, welche Pflanzen im Garten und auf dem Balkon der Verlagsräume spatzenfreundlich sein könnten. Doch eine passende Vegetation allein reiche nicht aus, um die Spatzen zum Bleiben zu bewegen, sagt Torben. Genauso wichtig sei es, dass das Futterangebot abwechslungsreich und attraktiv ist, dass es ausreichend viele Nischen und Vorsprünge an Häusern gibt, in denen die Spatzen, die übrigens gerne in trubelhafter Nachbarschaft mit 20-30 Artgenossen wohnen, Nistmöglichkeiten finden, und dass Wasserstellen zum Baden und Trinken sowie sandige Flächen für Staubbäder vorhanden sind.

Puh!

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Ganz schön anspruchsvoll diese Spatzen

Aber so kompliziert, wie es klingt, ist es gar nicht, einen spatzengerechten Wohnraum zu schaffen.

Torben zeigt uns Nistkästen aus Holz, die aus drei nebeneinander liegenden Apartments bestehen und nicht teuer sind. Für die handwerklich begabten Menschen unter uns gibt es auch die passenden Bauanleitungen dazu.

Eine Schale mit sauberem Wasser und eine weitere mit feinem Sand kann man auf jedem kleinen Balkon unterbringen, und wenn man dann noch in Buffetform Hirse, Leinsamen und Sonnenblumenkerne anbietet, sieht das Ganze aus Spatzensicht schon ziemlich gut aus.

Auf Körner und Saaten sind die Sperlinge übrigens zwingend angewiesen, da sie sich ausschließlich vegetarisch ernähren und nur zur Fütterung ihrer Jungen in den ersten Tagen auch Raupen, Insekten und Würmer sammeln.

Torben nimmt uns mit in sein Büro und zeigt uns am Computer die Verteilung der aktuellen Spatzen-Hotspots in Niedersachsen sowie Bremen im Speziellen. Insgesamt sei die Anzahl fast aller heimischen Singvögel stark zurückgegangen, erklärt er. Hauptgründe seien zum einen die massiv mit Pestiziden bewirtschafteten Äcker und Felder und das daraus resultierende Insektensterben, das wiederum zu einem verminderten Nahrungsangebot für Singvögel führe, sowie die ständige Neubebauung von Grünflächen mit modernen, glatten und somit nistplatzuntauglichen Gebäuden. „Es gibt inzwischen bereits Dachziegel, die ein wenig gewölbt sind und dadurch Vögeln einen Unterschlupf gewähren“, berichtet Torben, „aber diese werden leider noch viel zu selten verbaut.“

Auch bei der Gartengestaltung könne man der heimischen Vogelwelt einen großen Gefallen tun, indem man auf ordentlich drapierte Blumenkübel und Rhododendronbüsche verzichtet, die zwar hübsch aussehen, aber keinem Vogel wirklich nützen, und stattdessen Schlehen, Holunder, Ebereschen oder Vogelbeersträucher anpflanzt oder Totholzhecken aufschichtet, in denen man sich prima verstecken und herumtoben kann [sofern man ein Vogel ist]. Igel freuen sich im Übrigen auch über solche kreativen Gestaltungsmaßnahmen, und wenn man nur wenig Platz zur Verfügung hat, eignen sich beispielsweise auch in Kübel gepflanzte Sträucher oder Sonnenblumen als Nahrungsergänzung auf dem städtischen Balkon.

Was genau man pflanzen kann, um Singvögeln das harte Leben ein wenig zu erleichtern, hat der NABU auf praktischen Flyern zusammengefasst, die in der Geschäftsstelle ausliegen. Wenn ihr nicht die Möglichkeit habt, zur nächsten NABU-Geschäftsstelle zu fahren, schreibt uns gerne. Wir schicken euch dann die Flyer per Mail zu.

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Torben zeigt uns zum Abschluss unseres ausgesprochen interessanten Treffens noch den kleinen Laden, der zur Geschäftsstelle gehört und in dem wir uns mit Vogelfutter (plastikfrei verpackt in großen Papiertüten) eindecken, bevor wir mit einer kleinen Spatzen-Reihenhaussiedlung unter den Armen wieder ins Auto steigen. Fest entschlossen, die Bremer Spatzen zu finden und wieder vermehrt in der Innenstadt anzusiedeln.

Torben

Torben Reininghaus

 

Was könnt ihr tun?

Wenn euch die kleinen grau-braunen Rabauken auch ein bisschen am Herzen liegen, fangt doch gleich an und schaut mal, ob es in eurer Umgebung geeignete freie Stellen für Nistkästen gibt. In mindestens zwei Metern Höhe ist es optimal, weil dort Katzen meist nicht hinkommen. Ihr stellt ein Sand- und ein Wasserbad in der Nähe auf und streut regelmäßig (auch im Sommer!) Körner für die bereits im Stadtteil lebenden Vögel. Bestimmt spricht es sich schnell herum, dass es gemütlich bei euch ist, und mit etwas Glück könnt ihr schon bald die ersten Spatzen beim Körnerklauen beobachten.

Es ist übrigens sehr hilfreich für Ornithologen und Umweltschutzorganisationen, wenn ihr Vögel, die ihr in eurer Umgebung sichtet, auf der Plattform www.ornitho.de eintragt. Die Anmeldung dauert nur wenige Minuten und es ist überaus spannend zu verfolgen, wo sich wann welche Vogelarten aufhalten.

Erzählt uns gerne, ob es bei euch noch Spatzen gibt und welche Erfahrungen ihr so in Sachen Vogelbeobachtung machen konntet. Wir sind gespannt und halten euch unsererseits auf dem Laufenden, ob wir es schaffen, wieder Spatzen rund um unsere Verlagsräume anzusiedeln, denn ein Spatzenschwarm ohne [echte] Spatzen ist ja auch irgendwie deprimierend.

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