Folge 31: Der Bücherschrank

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Manche Erfindungen sind so einfach und gleichzeitig so genial, man fragt sich, warum nicht schon längst jemand auf diese Idee gekommen ist. Aber es gibt auch geniale Ideen, die überraschen, weil man sich nur schwer vorstellen kann, sie funktionieren, und in der Praxis laufen sie trotzdem tadellos.

Ein öffentlicher Bücherschrank hat von beiden Seiten etwas – und er stiftet auf alle Fälle viel Glück (wem das zu hochgegriffen scheint, der ersetze bitte „Glück“ durch „Befriedigung“, „Begeisterung“, „Beglückung“, „Behagen“, „Entzücken“, „Fröhlichkeit“, „Frohsinn“, „Genuss“, „Hochgefühl“ oder ein anderes Synonym). Das Prinzip ist simpel, gerade deshalb so bestechend: An einem öffentlichen Ort, der vorzugsweise von möglichst vielen Menschen frequentiert wird, stellt die Stadt einen Kasten auf, in den Bürger, die Bücher aussortieren wollen, sei es, weil sie sie ausgelesen haben, weil sie ihnen nicht gefallen, weil sie nicht länger durch Fachliteratur an ihr Studium erinnert werden wollen, weil sie eine religiöse Wandlung erfahren haben, die ihnen die Lektüre verbietet oder aus einem beliebigen sonstigen Grund, ihre gedruckten Lieblinge loswerden können. Für die Bücher jedenfalls ein deutlich angenehmeres Schicksal, als im Papiermüll zu verrotten. Für jeden Interessierten hingegen ein Grund zur Freude: Kann er sich doch nach Lust und Laune im Schrank bedienen. Es gibt keinen Verhaltenskodex, den es streng zu beachten gilt. Allerdings impliziert der Umstand, dass man Bücher verschenkt, die Hoffnung, der Beschenkte möge sich nicht lumpen lassen und seinerseits, wenn er aus irgendeinem Motiv heraus ein Buch abgeben wolle, dies nicht etwa den Flammen zum Fraß vorwerfen (eine Vorstellung, die Bücherfreunden nicht erst seit dem Dritten Reich geradezu körperliche Schmerzen bereitet) und auch auf die paar Cent verzichten, die er für Gedrucktes erhalten mag, wenn er es auf dem Flohmarkt verscherbelt, sondern dem Vorbild folgen und im Bücherschrank nach Abnehmern fahnden, die sich über die Lektüre freuen.

Naives Gottvertrauen, das die menschliche Natur nicht einschätzen kann“, mögen diejenigen aufheulen, die sich einem realistischen Zynismus verschrieben haben. Klingt ja auch erst einmal cool, misanthropisch und deswegen hip. (Nebenbei: Ist „hip“ eigentlich noch hip? Vermutlich inzwischen ziemlich oldschool, wobei „oldschool“ natürlich auch schon lange nicht mehr hip ist. Aber wenigstens versteht man, was ich sagen möchte, hoffe ich.) Das Schöne an den Bücherschränken ist aber: „Hip“ mag kein Wort mehr sein, das sehr modern ist: Bücher lesen zu können, einfach so, ohne dafür bezahlen zu müssen, macht immer noch sehr vielen Leuten Spaß, und ganz offensichtlich – denn sonst würde das System der Bücherschränke eben nicht so faszinierende Erfolge feiern –, macht es den Leuten auch Spaß, Bücher zu verschenken – und Spaß wird so schnell niemals aus der Mode kommen. Die Menschen verschenken ihre Bücher einfach so, ohne etwas anderes dafür zu erhalten als innere Befriedigung. Ein System, das so offen auf Generosität und Mitmenschlichkeit setzt, ist abgebrühten Egoisten vielleicht nur schwer zu vermitteln. Aber seltsam… die Menschen denken nicht egoistisch, sondern sie verschenken einfach, was sie nicht mehr brauchen. Und zwar nicht nur Ramsch. Je nachdem, wo ein solcher Schrank aufgebaut ist, je nachdem, wann man schaut (wie bei einem Überraschungsei), wird man ganz unterschiedliche Schwerpunkte in diesen Bücherschränken finden. Mag sein, dass manchmal Krimiliebhaber ihre Bestände erneuern, mal Erwachsene ihre Kinderbücher opfern oder auch ein Professor sich seiner älteren Fachliteratur entledigt – stets wird man neue Literatur finden, vermutlich so vielfältig wie die zahlreichen Leser handfester Bücher, die es trotz des allgemeinen Digitalisierungsdrangs immer noch gibt.

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Meine Patentante lebt in Bonn; sie machte mich stolz darauf aufmerksam, hier sei der erste öffentliche Bücherschrank aufgestellt worden (Poppelsdorfer Allee im Jahr 2003). Eine absolute Erfolgsgeschichte. Inzwischen gibt es allein in der Stadt Bonn vierzehn Stück, in Deutschland insgesamt schon über tausend. Ich war ziemlich überrascht, wie sehr sie von dem Schrank in der Poppelsdorfer Allee schwärmte. Sie ist Naturwissenschaftlerin, sie legt, obwohl sie Belletristik sicher auch ganz gerne hat, großen Wert auf profunde Fakten und nachprüfbare Belege. Aber trotzdem zeigte sie sich begeistert von der Vielfalt der in Bonner Bücherschränken zu findenden Schätze. Man treffe beim Stöbern ebenso auf Edgar Wallace und Rosamunde Pilcher wie auf Darstellungen kirchenhistorischer Besonderheiten oder Goethes Faust (und auch diese Auswahl maximal unterschiedlicher Bücher grenze die verschiedenen Möglichkeiten, die speziell der erste Bücherschrank offeriere, jetzt in unzulässiger Art und Weise ein).

Vielleicht ist es auch eine patriotische Aufwallung, wenn sie so begeistert von den Bücherschränken in ihren Heimatgefilden ist. Zumal die Bonner sich zwar ziemlich stolz als Begründer öffentlicher Bücherschränke sehen – völlig zurecht stolz, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, denn an dieser Idee kann man, selbst wenn man sucht, nichts Schlechtes finden, was nicht nur in der heutigen Zeit eine besonders bemerkenswerte Eigenschaft ist –, sie (die Rede ist von den Bonnern) aber dafür nicht überall den gleichen Zuspruch erhalten. Sie nennen den Bücherschrank „den ersten Offenen Bücherschrank in Deutschland“. Tatsächlich wird die Umsetzung dieser Idee von der Bürgerstiftung Bonn als ihr bekanntestes Projekt gefeiert und es wäre absolut falsch, die Stiftung an dieser Stelle der Lüge zu bezichtigen, denn natürlich sagt sie die Wahrheit. Allerdings handelt es sich nicht um den ersten deutschsprachigen Bücherschrank überhaupt. Vielmehr beginnt alles schon 1991: Die armerIMG_0080kikanischen Aktionskünstler Michael Clegg und Martin Guttmann machen in Graz, Hamburg und Mainz aus Stromkästen „öffentliche Bibliotheken“. Es handelt sich nur um eine Kunstaktion – trotzdem ist eine Idee geboren. Der Darmstädter Michael Ibsen greift sie 1996 auf und bringt sie zu sich nach Hause: Nicht mehr Stromkästen sollen die Bibliothek für alle beherbergen, ein Regal, das er dem Sperrmüll entrissen hat, ist in Darmstadt jetzt die Heimat von Büchern, die eine neue Familie suchen. Sieben Jahre sollen noch vergehen, bis die Bürgerstiftung 2003 nach einem Entwurf der Designerin und Bühnenbildnerin Trixy Royeck die Idee zum Offenen Bücherschrank vervollkommnet – mit durchschlagendem Erfolg.

Es ist eine tolle Idee, und sie lässt sich nicht aufhalten. Vielleicht kann man wegen ihr sogar ein wenig an das Gute im Menschen glauben. Ich habe mit ein paar Leuten auch am Ursprungsbücherschrank über ihre Erfahrungen gesprochen; jeder fand die Idee positiv. Selbst Leute, die bemängeln, dass Bücherschränke von findigen Obdachlosen missbraucht werden, die sich großzügig dort bedienen, um anschließend zu versuchen, die Bücher zu kleinen Preisen loszuschlagen, beurteilen solche Praktiken eher mit Nachsicht: Jeder muss sehen, wie er am besten zurechtkommt. Und grundsätzlich ist es sowohl die Einfachheit der Idee als auch die Schönheit des Gedankens, dass das, was einem Autor so wichtig war, dass er es aufschrieb, einem Leser so wichtig war, dass er Geld dafür ausgab, nicht einfach dem Vergessen anheimfällt, was das Besondere an den Bücherschränken ausmacht. Die Worte leben weiter – ob in einer teuren Neuauflage oder gebraucht in einem Bücherschrank, ist ihnen egal. Und solange eine Idee wie die des öffentlichen Bücherschranks funktioniert, kann es um uns Menschen noch nicht so schlecht bestellt sein.

img_0078k.jpgDabei: Ein bisschen Hilfe brauchen selbst die besten Ideen. Aus diesem Grund kann man Patenschaften für einen Bücherschrank übernehmen. Viel ist vielleicht nicht zu tun: Schauen, dass niemand seine Aggressionen an den allgemeinen Bibliotheken auslebt, vielleicht ab und an ein wenig saubermachen, das jeweilige Angebot prüfen und die Bücher sortieren… aber an dieser Stelle sollte man allen danken, die durch ihren Einsatz das Projekt erst möglich machen. Genauso muss man aber auch an all die Leute denken, die sich von ihrem Eigentum bereitwillig trennen. Und nicht zuletzt sollte man auch denen Dank aussprechen, die von den Bücherschränken profitieren: Denn wenn jeder nur Bücher spenden, aber niemand sie lesen wollte, hätte das Projekt schließlich ebenfalls seinen Zweck verfehlt. Nein: Die ganze Gemeinschaft aller, die sich für Bücher interessieren, ist mitverantwortlich für den großen Erfolg, den das Projekt der Bücherschränke bereits in kurzer Zeit erzielt hat. 

Christian Reinöhl

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