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Es begab sich einst, dass ich durch einen Facebook-Post auf eine Nachricht im Buchreport aufmerksam wurde. Gleich zu Anfang hieß es dort: „Kathrin Passig analysiert die Zukunft des Buchhandels“. „Wow!“, dachte ich, „Spökenkiekerei!“. Beneidenswert. Wer möchte das nicht können, etwas analysieren, das es noch gar nicht gibt? Doch schon im ersten Absatz wird klar, dass die Frau alles andere als zu beneiden ist. Kathrin Passig ist bekennende E-Book-Leserin: Sie ärgert sich darüber, wenn sie gezwungen ist, ein Buch in gedruckter Form zu lesen; ihre große Bücherwand hat sie größtenteils abgeschafft. Viele Buchhandlungen sieht sie deshalb dem Untergang geweiht.“

Wer macht sowas, die Arme zum Lesen von Druckerzeugnissen zu zwingen? Gut, ich hatte mal einen Lehrer, der war auch so drauf. Aber der ist inzwischen mindestens pensioniert.

Allerdings ist Frau Passig selbst auch nicht ohne, wie dem zweiten Teil des Absatzes zu entnehmen ist. Deshalb – weil sie den größten Teil ihrer Bücherwand abgeschafft hat – sind jetzt viele Buchhandlungen dem Untergang geweiht. – Das hätte sie sich ja auch mal vorher überlegen können.

Kann natürlich auch sein, dass ich in die nicht ganz gelungene Zusammenfassung zuviel hineininterpretiere. Leider ist der Originalartikel im Mitgliedermagazin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands nur als Printausgabe erhältlich. Diesem Umstand wohnt doch eine Spur Ironie inne. Als bekennender E-Book-Leser wäre man gleich wieder gezwungen, seine Papieraversion zu überwinden, um an den Text zu kommen.

Frei zugänglich ist allerdings ein Beitrag der Autorin in ZEIT-online, in dem sie ihre Zuneigung zum E-Book begründet. Gleich eingangs zitiert sie ihr Hauptargument: „… ein E-Book kann man im Dunkeln lesen“. Kenn’ ich gut. Auch bei mir gab es eine Zeit, da ich unter der Bettdecke, die Taschenlampe zwischen den Zähnen, dem Ende des Kapitels entgegenfieberte. Ist aber schon etwas her. Heute darf ich das Licht an lassen. Oder hat Frau Passig häufig Stromausfälle zu erdulden? Dann hilft aber auch das E-Book nicht lange weiter.

Doch wenden wir uns den anderen Gründen zu. Ein E-Book „klappt auch nicht von alleine zu, man muss es also nicht mit den Zehen offenhalten, wenn man beim Essen lesen möchte. Es fügt sich viel geschmeidiger als das Papierbuch in meinen Alltag ein“. Diese Sätze habe ich mit leichter Bestürzung gelesen, legen sie doch nahe, dass die bekennende E-Book-Leserin sozial vereinsamt oder einigermaßen unhöflich ist, nicht einhändig essen kann, gar nur über eine Hand verfügt und nie ausreichend im Gebrauch eines Lesezeichens unterwiesen wurde (es gibt hierzu DIY-Videos bei Youtube). Wie sich ein relativ empfindliches Gerät aus Metall und Glas geschmeidig in den Alltag einzufügen vermag, bleibt mir unklar. Ein Buch werfe ich schonmal herum (auf den Tisch, auf’s Sofa…), stopfe es in den Rucksack, stecke es in die Tasche oder klemme es unter den Arm, sollte gerade keine Hand frei sein. Wenn es runterfällt, rutscht höchstens das Lesezeichen heraus. Mit dem iPad gehe ich ganz sicher nicht so um. Da sie gern auf dem Handy liest, lässt uns Frau Passig weiter wissen, „kann ich auch noch die winzigsten Wartezeiten mit Lektüre ausstopfen.“ Ja, das geht mit einem Buch natürlich nicht, zumal wenn es dunkel ist. Vielleicht sehe ich das aber auch nur so, weil mir das Lesen längerer Texte auf dem Handy als Zumutung erscheint.

Als letzter Grund für ein E-Book wird dann noch der Umstand bemüht, dass man bei Amazon „zwanzig Leseproben auf Verdacht … durchstöbern [kann], was an sich schon ein großes Vergnügen ist, für das ich früher ganze Tage in Buchhandlungen hätte zubringen müssen.“ Ja Potzblitz! Genau so mache ich das auch. Nur ohne E-Book. Was für ein schönes Argument. Es funktioniert in beide Richtungen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Manchmal lese ich ebenfalls E-Books. Vorwiegend bei Werken, die es nicht gedruckt gibt. Doch finde ich Bücher ohne Steckdose angenehmer (allein schon die Aufmachung, die Gestaltung, das Design), unempfindlicher, praktischer (es geht auch mal ohne Strom), preislich angemessener (die Preisdifferenz entspricht nicht dem geringeren Herstellungsaufwand, insbesondere wenn das Lesegerät noch hinzukommt) und sozialer (Bücher kann man verleihen und verschenken).

Muss man natürlich nicht so sehen. Soll jeder mit der Form von Lektüre glücklich werden, die ihm am meisten zusagt. Aber die Annahme, der Buchhandel würde daran zugrunde gehen, dass Kathrin Passig zum E-Book konvertiert ist, kann man Leuten erzählen, die im Dunkeln lesen und ihre Umwelt deshalb nicht wahrnehmen.

Nachtrag: Eben sehe ich, dass z.B. „Mohnschnecke“ von Anna Koschka als Taschenbuch 8,99 € kostet und als kindle edition 8,99 €. Wenn es einen rationalen Grund für den Kauf von E-Books gab… damit ist er ausgeräumt.